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Kolumne Hoffnungsband mit Tiger

Im Niemandsland geht es der Natur gut. Grund genug beim Stichwort Korea mal Visionen zu entwickeln.

Hitze in Neu-Delhi
Sogar Tiger soll es im Grenzgebiet noch geben. Foto: dpa

Richtig wild geht es zu in Korea. Nicht in Nordkorea, nicht in Südkorea, sondern in einer Art Niemandsland zwischen den beiden Staaten. Diese demilitarisierte Zone, im Fachjargon DMZ, darf nicht betreten werden. Von niemandem. Unter ihr führen zwar ein paar Tunnel durch, vom Norden gegraben, für heimliche Invasionen des Südens. Darüber aber ist ein Urwald entstanden, natürliche Vegetation vom Feinsten.

Ganz ungestört, seit nunmehr 65 Jahren. Tiere, die sonst in Korea selten geworden sind, kommen dort vor. Sogar Tiger soll es noch geben. Aber das weiß man nicht genau, es kann und darf ja niemand nachsehen gehen. Die Außengrenzen der DMZ sind martialisch befestigt und bewacht, aber dahinter blüht das Leben. Immerhin auf 250 Kilometer Länge und vier Kilometer Breite.

Das Ganze erinnert stark an das, was lange als „Zonengrenze“ und Todesstreifen DDR und BRD trennte. Nach der Wiedervereinigung taten sich dahinter, in der fünf Kilometer breiten Sperrzone auf DDR-Seite, wahre Naturschätze auf. Lebensräume und Arten, die sonst überall Opfer von Landwirtschaft, Straßen, Siedlungen geworden waren, haben hier überlebt.

Was einst die beiden Deutschlands trennte, wurde schließlich zum vereinigenden grünen Band, zu einem herrlichen Biotopverbund mit 150 Naturschutzgebieten mitten durch unser Land, mit Radwegen und stillen Erholungsorten. Und mit Tourismus als wichtigem Wirtschaftsfaktor.

Wie weit Nord- und Südkorea von einer Wiedervereinigung entfernt sind, ist so unbekannt wie die Zahl der Tiger in der DMZ. Aber für diesen Fall oder auch nur bei einer Normalisierung der Beziehungen könnte man womöglich das deutsche Modell übernehmen. Korea vereint durch das grüne Band. Unsere Republik als Vorbild friedlicher Wiedervereinigung und erfolgreichen Naturschutzes, das wäre eine sympathische neue Facette in unserer Exportpolitik.

Wer hätte denn gedacht, dass Nord- und Südkorea so plötzlich miteinander ins Gespräch kommen? Da geht noch mehr. Hoffentlich machen emotionale Störfeuer und politische Achterbahnfahrten aus Cowboyland nicht alles komplizierter, als es ohnehin schon ist.

Aber könnte man nicht gleich ein bisschen weiter träumen? Die entmilitarisierte Zone wird ausgedehnt, mindestens bis zur Südspitze der koreanischen Halbinsel und nach Norden bis weit hinein nach China und Russland. Nicht wegen der Natur, sondern des Friedens wegen.

Saudi-Arabien hat schon angekündigt, nicht mehr so viel in Deutschland einzukaufen, weil den Saudis unsere Nahostpolitik nicht genehm ist. Sinkende Rüstungsexporte wären dann unser (unfreiwilliger?) Beitrag zu einer neuen Politik für den Weltfrieden. Träumereien, aber die Vision des grünen Bandes zwischen Nord- und Südkorea könnte man ja schon mal konkret angehen.

Ruhig ist es dort bereits geworden, seit die Propaganda-Lautsprecher abgebaut wurden. Sie plärren keine Botschaften mehr über die Naturlandschaft hinweg. Das ist doch ein Anfang. Grusel-exkursionen für Touristen zu den ehemaligen Sperranlagen verbunden mit Birdwatching, das wäre ein neuartiges Highlight der Tourismusindustrie. Oder ist all das doch nur eine Illusion, naiv und weltfremd? Das war die Vorstellung einer deutschen Wiedervereinigung vor 35 Jahren übrigens auch. Die Hoffnung stirbt nicht zuletzt, sie hilft!

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