Lade Inhalte...

Kolumne Höchstrichterliches Gemüse

Kleingärten unterliegen besonderen Gesetzen. Als Laubenkolonien bilden sie jedoch harmonische Vielvölkerstaaten.

So ein Kleingarten ist eine feine Sache. Und er ist genau definiert. Dazu gibt es das Bundeskleingartengesetz. Ja, das gibt es! Es besagt in 2 Sätzen, was ein Kleingarten ist, und in 5 Sätzen, was kein Kleingarten ist. Man sieht schon, die Angelegenheit ist komplex. Nein, ein Kleingarten ist nicht nur ein kleiner Garten. Er muss in einem Verbund mit anderen solchen Gärten liegen, erst das macht ihn zu dem, was er ist. Und man darf dort beileibe nicht tun und lassen, was man will. 

Natürlich darf man sich dort erholen. Aber man muss auch schaffen, produzieren. Sogar der Bundesgerichtshof hat sich mit dieser Materie befasst. Ein Drittel des Gartens muss nach höchstrichterlichem Spruch der Produktion von Obst und Gemüse dienen. Für den Eigenbedarf der Pächter. Erzeugnisse aus dem eigenem Garten sind natürlich etwas Wunderbares, zumal wenn man sicher sein kann, dass sie kein Gift geschluckt haben. 

Aber der gesetzliche Zwang zur Produktion von „Gartenbauerzeugnissen“ riecht doch noch etwas nach Gründerzeit, Versorgungsengpässen und Nachkriegssorgen. Wenn man sieht, dass die wackersten der Gärtner einander Zucchini, Bohnen und Stachelbeeren über den Zaun reichen, weil sie im Überfluss ernten, erscheint die Vorschrift doch etwas überholt, auch bei aller Sympathie für diese Grundstücksgrenzen überschreitenden Verschenkaktionen.

Da wünscht man sich schon, dass jemand, der seinen Kleingarten ganz natürlich gestaltet, als Lebensraum für Hummeln, Schmetterlinge, Libellen, Molche, Vögel und Fledermäuse, mit Wildblumen, einem kleinen Teich und Insektenhotels, nicht eine Abmahnung oder gar die Kündigung aufgebrummt bekommt, nur weil er zu wenig Gemüse anbaut. 

Natürlich wird die Einhaltung der Regeln überwacht, von den – gewählten – Obleuten der Kleingartenvereine. 15 000 solcher Vereine gibt es in Deutschland, mit Satzungen, Vorstand und Mitgliedern. Da kann man schon von einer Massenbewegung sprechen, die wertvolle grüne Flächen gerade im Großstadtbereich gestaltet, pflegt und nutzt.

Immerhin sollen, so das Gesetz, die Belange des Umweltschutzes, des Naturschutzes und der Landschaftspflege bei Nutzung und Bewirtschaftung berücksichtigt werden. Das ist aber leider nur eine Soll-Bestimmung, gegenüber dem Muss der Produktion. Dabei geht es hier ja gar nicht um kommerzielle Wettbewerbsfähigkeit der Produkte, man könnte sich also ein bisschen mehr „Öko“ leisten. 

Erfreulicher Weise gibt es inzwischen zahlreiche Vereine, die Gifteinsatz im Garten und das Anpflanzen invasiver Pflanzen stark beschränken oder ganz verbieten. Da bekommt das Wort von der Gemeinnützigkeit eine besonders schöne, eine gärtnerische Note. 

Gerade jetzt zu Zeiten der Fußballweltmeisterschaft offenbaren die vielen Fähnchen an den Gartenlauben, dass hier eine Vielvölkergemeinschaft nebeneinander und miteinander ackert und werkelt. Bei vielen Gartenpächtern spürt man, dass sie die Landwirtschaft ihrer Eltern und Großeltern irgendwo zwischen Südalpen und Balkan in ihren deutschen Laubenkolonien fortsetzen. 

Integration unter Beibehaltung der kulturellen Wurzeln, auch im echtesten Sinne des Wortes, wenn das kein Lichtblick ist in all dem chaotisch-dunklen Gefasel um die Zuwanderung. Im Liegestuhl im Kleingarten lässt sich darüber trefflich sinnieren. Das sollte man nicht kleinreden!

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen