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Kolumne Heimat kann kein Minister verwalten

Heimat ist eine Hoffnung, die von keinem Ministerium verwaltet werden kann. Nicht mal dann, wenn der Minister aus Bayern kommt.

Oberbayern
Idylle in Oberbayern: Früher war die Welt in Ordnung. Foto: imago

Vor vielen Jahren kandidierte für die Berliner CDU ein Mann, den sie aus Niedersachsen geholt hatten. Sein Name war Friedbert Pflüger, und ich hatte Mitleid mit ihm. Er sollte Regierender Bürgermeister der Stadt werden, aber seine Partei war nicht nur tief in den Bankenskandal verwickelt, sondern auch von einer ausgeprägten Fähigkeit zur Intrige durchdrungen.

Sie sägte an seinem Ast, bevor er sich auf ihn setzen konnte. Schließlich beging Pflüger einen unverzeihlichen Fehler: Er gab zu, weder Fan von Hertha BSC noch vom 1. FC Union Berlin zu sein, sondern von Hannover 96. Vielleicht hätten meine Mitbürger ihm Bayern München noch verziehen, die gewannen immerhin die Champions League, aber Hannover 96? Der Hörgeräte-Verein? Keine Chance. Dabei wollte Pflüger nur seine Wurzeln nicht kappen.

Wäre die CDU schlau gewesen, dachte ich mir damals, hätte sie ihn einer optischen Soforteinbürgerung unterzogen. Beim FC Bayern München kann man sehen, wie es geht. Egal, woher ein Spieler kommt, er wird am ersten Tag seines Engagements in eine Lederhose gesteckt, dann zieht man ihm ein weiß-rot kariertes Hemd über und zwingt ihn schließlich in graue Strümpfe aus Wolle. Auf dem Oktoberfest muss er mit seinen Mitspielern – Polen, Franzosen, Niederländer, Chilenen, Kolumbianer – so tun, als hätte er schon immer Bier aus Eimern getrunken und von Luis Trenker geträumt, obwohl der Italiener war.

Bayern ist nicht mehr Bayern

Jahre später fuhr ich auf eine Recherchereise durch Bayern. Dabei traf ich häufig auf Männer und Frauen, die mir erzählten, Bayern sei nicht mehr Bayern. Die einen beklagten die Autobahnen und die Industriegebiete, weil sie die Landschaft verschandeln würden. Andere beklagten das Ende der Dorfgasthäuser und der Metzgereien. Die nächsten fanden, es würden zu viele Ausländer in Bayern leben, wobei sie auch Sachsen zu den Ausländer zählten und Berliner wie mich sowieso. Es schien eine große Heimatlosigkeit um sich zu greifen, in der nur noch der FC Bayern Halt gab, wo die Spieler aus aller Herren Länder kommen.

Damals las ich ein Buch von Hartmut Rosa. Der Mann ist Soziologe, Professor in Jena, und sein Hauptthema ist die Beschleunigung. Er sagt, unser Alltag würde sich so schnell wandeln, dass wir nicht mehr hinterherkommen. Überall hätten die gesellschaftlichen Prozesse so sehr Fahrt aufgenommen, dass sie uns schon zu Lebzeiten überholen würden – in den Beziehungen, in der Arbeit, in der Technik. Die Welt, in die wir hineingeboren worden sind, verschwinde vor unseren Augen, und Heimatlosigkeit ist unser Schicksal.

Früher dachte ich, Heimat sei der Ort meiner Kindheit. Ein Paradies, in das ich nicht zurückkehren kann, weil ich erwachsen bin. Nur wenn ich die Augen schließe, sehe ich meine Großmutter Äpfel schälen und höre meinen Vater Plattdeutsch reden. Er sitzt mit seinen Brüdern an einem Tisch, Zigarrenrauch hängt in der Luft, sie spielen Doppelkopf.

Öffne ich die Augen wieder, sitze ich an meinem Schreibtisch in Berlin, der Hauptstadt. Fragt mich jemand nach meiner Heimat, dann antworte ich ihm, dass sie wohl in der Zukunft liegt und ich sie noch gar nicht erreicht habe. Sie ist eine Hoffnung, die von keinem Ministerium verwaltet werden kann. Auch nicht, wenn der Minister aus Bayern kommt.

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