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Kolumne Gehstock gegen Sushi-Stäbchen

Wenn es heiß wird in Berlin, gehen die Menschen noch lieber aufeinander los als sonst. Warum der Prenzlauer Berg im Klimakrieg keine Chance haben wird.

Wenn wir dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zum Klimawandel mehr glauben als Männern, die in ihrem Hobbykeller gerne Internetforen zu dem Thema vollschreiben, müssen wir die menschengemachte Erderwärmung wohl oder übel als Realität akzeptieren. Auch wenn uns das im Februar nicht so vorkam, steigt die Durchschnittstemperatur weltweit. Uns erwarten also immer häufigere und stärkere Hitzeperioden.

Es liegt auf der Hand, dass das nicht nur extreme Wetterereignisse zur Folge haben wird. Wenn etwa Lebensmittelpreise nach Dürreperioden steigen oder Naturkatastrophen wie Hurrikane Landschaften, Dörfer und Städte zerstören, werden auch gewaltsame Konflikte nicht ausbleiben. Vor allem für sogenannte Failed States werden Klimakriege prognostiziert. Klimapolitik sei Sicherheitspolitik, heißt es deshalb auch.

Nach einem heißen Mai in Berlin kann ich das nur unterschreiben. Die Stadt kann viel ertragen: S-Bahn-Ausfälle, Flughafenchaos und Pokalfinale-Fans, aber Hitze bekommt ihr nicht. Auch wenn sich der Senat seit Jahrzehnten nach Kräften bemüht, sind wir immer noch nicht ganz auf dem Level eines Failed State angekommen. Dennoch würde ich im Zuge einer weiteren Erwärmung in Berlin vorsichtshalber ein paar Blauhelmtruppen stationiert sehen wollen.

Wir sind ja so schon nicht für unsere übertriebene Freundlichkeit bekannt, aber im Sommer wird es schnell unerträglich. Dann wird gepöbelt, als gäbe es dafür Freibier. Ich wurde etwa gerade äußerst aggressiv angegangen, nur weil ich einen Mann auf einer dieser langen Bahnhofsrolltreppen höflich darum bat, an ihm vorbeilaufen zu dürfen. Ja, ich habe sogar bitte gesagt.

Dabei musste ich U-Bahn fahren, weil es bei Hitze auf dem Fahrrad noch viel gefährlicher ist. Der von Autos eingehaltene Sicherheitsabstand verringert sich dann von durchschnittlich 20 auf zwölf Zentimeter. Damit wird Radfahren im eh schon aggressiven Straßenverkehr bei 27 Grad suizidal. Ich habe alleine im letzten Monat zwei Unfälle miterlebt, bei denen Fahrradfahrerinnen umgefahren wurden.

Ich glaube deshalb, dass Berlin für einen Klimakrieg geradezu prädestiniert ist. Nicht wegen Wirbelstürmen oder Wassermangels, sondern weil sich vielleicht an einem heißen Augusttag irgendwo jemand vordrängelt oder trotz Hupens nicht innerhalb von 0,2 Sekunden nach Grünschaltung losfährt oder weil jemand doch tatsächlich auf einer Rolltreppe laufen möchte. Dann explodiert die ganze Chose.

Im zu erwartenden Bürgerkrieg werden Zehlendorfer mit Tennis- und Hellersdorfer mit Baseballschlägern, Wilmersdorfer mit Gehstöcken und Reinickendorfer mit Schäferhunden aufeinandertreffen.

Was sie derweil in Pankow noch aus ihren Schuppen holen, wollen wir wahrscheinlich alle gar nicht wissen. Dagegen hätten die armen Menschen aus Prenzlauer Berg und Kreuzberg mit ihren Sushi-Stäbchen und Longboards keine Chance. Ich würde mich natürlich augenblicklich auf die Seite der Weddinger schlagen. Seit ich weiß, dass sie auch bei minus zehn Grad noch Jogginghosen tragen, traue ich ihnen alles zu.

Eine Chance auf Frieden wäre wohl erst dann realistisch, wenn im Dezember die alljährliche Winterstarre einsetzt. Hoffen wir also für uns alle, dass die Polkappen noch so lange wie möglich erhalten bleiben werden.

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