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Kolumne Gaza-Blues

Wenn Bomben fallen und die Hamas die Ausreise verbietet: Anderthalb Tage in Gaza reichen, um zu erahnen, wie sehr ein Leben ohne Reisefreiheit zermürbt.

Nach zwei schlaflosen Bombennächten in Gaza haben wir nur einen Wunsch: nichts wie weg. Doch wir stecken in diesem Gefängnis mit Meerblick fest. Nicht etwa, weil Israel wieder mal den Grenzübergang Eres dichtmacht, sondern weil die Hamas uns den Ausgang verwehrt. „Auf Befehl von ganz oben“, wird mir und einer befreundeten Kollegin barsch erklärt. Eine absurde Lage, an der auch die Einschaltung aller möglichen Stellen, von der Foreign Press Association bis hin zum deutschen Vertretungsbüro, zunächst nichts ändert.

Uns packt der Gaza-Blues. Dabei hatten wir noch Sonntagabend im Garten des Marna-Hotels in Gaza-City optimistische Szenarien gewälzt. Die frisch eingetroffenen Geldkoffer aus Katar, gefüllt mit 15 Millionen Dollar, um den öffentlichen Angestellten erstmals seit Monaten Gehälter auszuzahlen, nährten die Hoffnung, dass sich nun das Blatt für die zwei Millionen Palästinenser in diesem gebeutelten Elendsstreifen zum Besseren wenden könnte. Zumal Israels Premier Netanjahu persönlich diesem ungewöhnlichen Cash-Transfer zugestimmt hatte.

Doch unversehens, wie bei einem Wetterumschlag in den Alpen, zogen Kriegswolken am sternklaren Himmel auf. Eine israelische Eliteeinheit in Zivil war drei Kilometer tief in den Süden des Gazastreifens eingedrungen und mit einem bewaffneten Hamas-Trupp zusammengestoßen. Eine fatale Operation, von der keiner weiß, was sie bezweckte. Zu den Toten zählt ein hoher Hamas-Kommandant sowie ein israelischer Offizier. Alle Bemühungen um Normalisierung schienen wieder am Nullpunkt angelangt. Darauf deutete auch das von der Hamas erlassene Ausreiseverbot für Ausländer, ausgenommen humanitäre Notfälle und Diplomaten. Offenbar hegt ihr militärischer Flügel den Verdacht, irgendein Fremder in Gaza müsse den Israelis bei ihrer Nacht-und-Nebel-Aktion geholfen haben.

Mehr noch als die akute Gefahr zerrt die Ungewissheit, ob und wann man uns ziehen lässt, an den Nerven. Das Gefühl, fremdbestimmt und einem undurchschaubaren Terrorsystem unterworfen zu sein, in dem auch ein deutscher Pass nicht viel nützt. Sicher, wir können uns innerhalb Gazas frei bewegen, eingesperrt kommen wir uns trotzdem vor – für die meisten palästinensischen Bewohner ein Dauerzustand.

Nichts planen zu können sei das Schlimmste, erzählt uns Lubna, eine junge Palästinenserin, die wir am Strand treffen. Kein Leben sei das, stimmt ihre Freundin Mariam zu. „Wir sind schon halbtot aus Angst vor einem neuen Krieg.“ Und während die Novembersonne feuerrot ins Meer sinkt, lassen dumpfe Kanonenschläge vom Landesinneren her aufhorchen. Auftakt einer zweiten Nacht der Eskalation, weit verheerender als die erste. Nahezu ununterbrochen fliegen Raketensalven auf israelische Kommunen. Derweil Israels Luftwaffe gezielt Gaza bombardiert, so heftig, dass bei manchen Detonationen unsere Hotelbetten wackeln.

Offenbar müssen sich beide Seiten vorführen, dass sie auch Krieg können, bevor sie eine neue, von Ägypten vermittelte Waffenruhe verkünden. Bei dessen Bekanntgabe sind wir wieder raus aus Gaza. Dank einiger Überredungskünste haben uns mitleidige Hamas-Beamte am Ende eine Sondergenehmigung ausgestellt, um ihren Checkpoint, kilometerweit vor der israelischen Grenze postiert, zu passieren. Nie war mir Reisefreiheit so wertvoll. Ein Recht, das uns gerade mal anderthalb Tage vorenthalten wurde, aber den Menschen in Gaza seit Jahren versagt wird.

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