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Kolumne Ganz einfach

Weg vom Komplizierten, das ist der große Trend. Funktioniert auch ganz gut. So lange, bis es schwierig wird.

Eigentlich ist so unglaublich vieles so unglaublich einfach, dass man sich schon fast naiv vorkommt darauf hinzuweisen. Dabei stünde es dieser immer komplizierter erscheinenden Welt gut zu Gesicht, würden wir alle wieder mehr Einfachheit wagen.

Manche tun dies ja. So gibt es Menschen, die fast ihr gesamtes Hab und Gut veräußern und nur das behalten, was sie wirklich benötigen. Andere beschränken diesen Schritt auf ihren Kleiderschrank, nachdem ihnen kluge Ratgeber zu der Einsicht verhalfen, dass ihnen 80 Prozent ihrer Klamotten nie wieder passen werden.

Dann gibt es welche, die rennen im Zustand der beruflichen Überforderung nicht zum Therapeuten, sondern gehen in den Wald. Ganz einfach. Wenn sie dann dort noch feststellen, dass ihr Smartphone keinen Empfang hat und sie dieser Sachverhalt nicht in den Wahnsinn, sondern zur Besinnung treibt, sind sie einen großen Schritt vorangekommen.

Das alles ist gut, aber schon wieder problematisch. Denn allzu schnell wird dieses Hin zu mehr Einfachheit nicht einfach gelebt, sondern zum Trend verklärt, zu einer Mode oder gar einem Lifestyle – und das nimmt der Einfachheit schon wieder die Einfachheit und lässt sie zwanghaft, also kompliziert werden. Es ist halt nicht so einfach.

Dabei wäre es doch so einfach. Ein tauglicher Berater könnte das sein, was man seit einigen Jahren „Bauchgefühl“ nennt. Einst hieß das „gesunder Menschenverstand“. Der ist bei uns sogar in Gerichtsurteilen ein Maßstab. So soll er uns laut gängiger Juristenmeinung davon abhalten, etwa einen Schuh zu essen – obwohl uns der Hersteller nicht darauf hingewiesen hat, dass der nicht zum Verzehr geeignet ist. Verspeisen wir ihn dennoch, können wir hierzulande nicht mit einem Schadensersatz rechnen.

Anders in den USA, wo der gesunde Menschenverstand weitgehend außer Kraft gesetzt wurde. Spachteln wir dort einen Sneaker, winkt unter Umständen ein hübsches Millionensümmchen. Es verwundert also nicht, dass in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch der Trend zum „Regrounding“ aufkam. Rückbesinnung auf das eigene Wurzelwerk, sprich: zurück zu Einfachheit. Andererseits ist es auch kein Wunder, dass dort eine Figur wie Donald Trump gewählt wurde. Der verspricht zwar einfache Lösungen, ist jedoch eine der kompliziertesten Erscheinungen der Weltgeschichte. Ihn einfach nur als dumm zu bezeichnen, wäre zu einfach. Das würde das gesamte Schaffen von Sigmund Freud ad absurdum führen.

Sind also einfache Lösungen immer schlecht? Nur weil Populisten sie postulieren schon mal gar nicht. Nötig wäre schlicht eine fette Portion gesunder Menschenverstand, in unser aller Alltag und erst recht in der Politik.

Ein paar Schlagworte? Bitte schön. Lässt man Menschen im Meer ersaufen? Baut man Autos, die zu viel Sprit brauchen und zu viel Dreck machen? Lässt man einige wenige von der Wohnungsnot vieler profitieren? Gewährt man großen Konzernen quasi Steuerfreiheit? Quält man Tiere und isst sie dann auf? Und, und, und ...

Ist das alles zu naiv? Womöglich. Aber stellen wir uns doch mal vor, wir wären alle wieder drei Jahre alt. Würden wir dann all diese Fragen nicht mit einem lauten Nein beantworten? Wohl schon. Aber das wäre dann ja schon wieder viel zu einfach.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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