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Kolumne Furchtbares Comeback

Aufklärung, Fortschritt und Demokratie sollten sie lindern: die Angst. Doch jetzt herrscht allenthalben Finsternis.

Es ist normal, sogar ganz gesund, ein bisschen Angst zu spüren. Die schützt uns davor, zu nah an den steilen, bröckelnden Abhang zu treten. Oder schenkt uns diesen süßen Kitzel, wenn wir es dennoch tun. Zu viel Angst aber lähmt, macht fatalistisch und dumm. Hier waren Fortschritt, Aufklärung und Demokratie hilfreich. Sie konnten uns diverse Ängste nehmen: die Angst vor der Finsternis, vor der Pest, vor dem Pfaffen und seiner Dauerdrohung mit dem Höllenfeuer, vor der nackten Willkür des brutalen Herrschers.

Das hindert manchen nicht daran, weiterhin Angst zu verspüren. Auch mich nicht. Besonders verwundbar bin ich morgens so gegen halb fünf, aus einem irren Traum erwachend. Dann denke ich an die Kinder, die Arbeit, das Finanzamt, an meine verdammte, kilometerlange To-Do-Liste, die mit jeder Hirndrehung länger wird.

Später, wenn es hell ist, lache ich über mich. Denke: „Herrje, Du Spinner. Sitzt da warm, satt und trocken auf Deiner Wohlstandsinsel. Dir fehlt es an gar nichts. Du lebst in einem funktionierenden Gemeinwesen, hast tolle Freunde, nette Nachbarn, fließend Warmwasser. So what?“

Also nochmal: Die Moderne hat uns in vielerlei Hinsicht mehr Licht gebracht. Mehr Wissen, Freiheit, Wohlstand, Freude. Doch leider ist dies kein linearer Prozess. Angst ist ein Herrschaftsinstrument geblieben. Sie ist auch Nebenprodukt wachsender Verwirrung. Sie kommt zurück.

Ich will damit nicht, wie es bei manch flottem Kommentator Mode ist, „German Angst“ denunzieren, jene hierzulande angeblich so verbreitete Furcht vor Katastrophen-Technologien wie der Atomkraft, vor miesem Industriefraß, Totalüberwachung und „Frei“handelsverträgen, die nur das Kapital von weiterer Verantwortung befreien. Wobei Zorn hier oft adäquater wäre.

Was ich meine: Wenn ich heute am helllichten Tag die Zeitung aufschlage, das Radio anknipse, den Browser anwerfe, springt mir Angst wieder überall entgegen. Die Angst vor der Geldschwemme der EZB, vor Putins hirnverdrehender Propaganda, vor Ebola, „den Griechen“, den vielen Flüchtlingen aus dem Morgenland, dem anschwellenden Irrsinn der CSU und den Kopfabhackern des neuen Kalifen. Eben habe ich bei „Google News“ „Angst“ eingetippt. Und 5 690 000 Ergebnisse bekommen. Wow.

Da wabert tiefste Finsternis. Ätzt sich tief in die Magengrube. Weil die Welt wirbelt und der Kopf nicht mehr nachkommt. Weil Angst ein Comeback erlebt. Nicht nur bei den Islamisten von Boko Haram, IS und Co. Nicht nur in Nordkorea und Eritrea, in Russland oder China, wo Willkür und Schikane eh uralte Bekannte sind. In den USA etwa hat G.W. Bush die „politics of fear“ weit getrieben (und Obama sie nicht vertrieben, wiewohl das einst sein Hauptanliegen war). Just konnte Benjamin Netanjahu mit einer Angstkampagne die Wahl in Israel gewinnen. Fast überall kann man studieren, wie wirkungsvoll die Angst und die Hysterie, ihre zeternde Schwester, Gesellschaften ins Dunkel treiben. Wie Mächtige, Fanatiker, Rattenfänger – und ja: Journalisten mit ihr spielen. Sie schüren. Um dann, in der Pose des Retters, reiche Ernte einzufahren.

Dagegen hilft nicht: Thomas de Maizières neue Anti-Terror-Einheit. Dagegen hilft nur: Besser hingucken, noch mehr verstehen. Und Nerven bewahren. Fürchtet Euch nicht!

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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