Lade Inhalte...

Kolumne Friss die Hälfte

Das Erfolgsmotto so mancher Diät sollte auch beim Flächenverbrauch in Deutschland gelten.

Flächenfraß ist ein hässliches Wort. Und ein echtes Problem. 60 Hektar Deutschlands werden täglich mit Siedlungen, Gewerbe- und Verkehrsflächen überbaut. Das ist ziemlich genau das Doppelte dessen, was die Bundesregierung bis zum Jahr 2020 erreichen will, nämlich den Flächenverbrauch auf 30 Hektar täglich zu senken. Noch ambitionierter steht es im Integrierten Umweltprogramm des Umweltministeriums. Danach sollen es bis 2030 nur 20 ha täglich sein.

Es ist bereits jetzt absehbar, dass diesen Vorhaben ein ähnliches Schicksal beschieden ist wie einigen anderen Zielen im Umweltbereich. Sie werden verfehlt, je nach öffentlicher Aufmerksamkeit mit Pauken und Trompeten oder klammheimlich.

Bayern allein versiegelt pro Tag 10 Hektar. Damit ist es Spitzenreiter unter den Bundesländern. Örtlich regt sich massiver Protest gegen neue Möbelcenter und ähnliche architektonische Brutalbauten in der freien Landschaft.

Das Volksbegehren „Betonflut eindämmen – damit Bayern Heimat bleibt“ hat der weißblaue Verfassungsgerichtshof gerade im Juli aber als unzulässig erklärt. Ganz im Sinne des Herrn Ministerpräsidenten, der gemeinsam mit seinem Noch-Parteivorsitzenden gegen das Volksbegehren war.

Das ist deswegen besonders ärgerlich, weil Letzterer auch Bundesinnenminister und als solcher seit Neuestem für das Bauen zuständig ist. Diese Zuständigkeit wird seit Jahren zwischen verschiedenen Bundesministerien herumgeschubst. Will die keiner haben?

Dabei muss endlich eine Lösung her. Denn Deutschlands Fläche ist endlich. Wird die freie Landschaft verbaut, ist das nicht nur ästhetisch ein Problem. Versiegelte Flächen lassen kein Wasser in den Boden eindringen, behindern so die Grundwasserspeisung und damit die Trinkwassergewinnung, begünstigen Hochwasser, tragen wegen der Aufheizung zum Klimawandel bei, nehmen den menschlichen Bewohnern Erholungsraum und den tierischen und pflanzlichen Bewohnern unverzichtbaren Lebensraum.

Das Insektensterben und der Rückgang der Singvögel haben hierin eine ihrer wichtigsten Ursachen. Unversiegelte Grünflächen sind zudem aus Gesundheitssicht bedeutsam. Es geht also um viel mehr als nur Natur- und Landschaftsschutz. Und der wäre allein schon ein guter Grund, mehr Freiflächen zu erhalten.

Muss denn jede Gemeinde in der – oft vergeblichen – Hoffnung auf Gewerbeeinnahmen ihr eigenes Industriegebiet in die Landschaft pflanzen? Kann man ausufernde Städte nicht lebensfreundlicher gestalten, ohne dass sie sich in die Umgebung fressen? Monströse Einkaufscenter in der Landschaft nehmen zudem dem Einzelhandel in den Innenstädten das Leben. Man könnte von den Städten und Gemeinden ein bisschen mehr Weitsicht erwarten.

Die Landesplanungsgesetze bedürften der Überarbeitung und man wünscht sich ein Bundesministerium, das endlich mit einem modernen Raumordnungsgesetz die Grundlage für zukunftsorientierte Raumplanung schafft. Warum nicht nachdenken über einen Flächenzertifikate-Handel?

Gebaut werden kann dort, wo objektiv Bedarf besteht. Andere Gemeinden können ihre ungenutzten Zertifikate an die verkaufen, die diesen Bedarf haben. Kompliziert? Ja, aber nicht unmöglich. Irgend etwas sollte uns bald einfallen, denn je mehr unsere Lebensqualität unter Beton und Teer verschwindet, umso schwieriger wird es, Lösungen gegen den Flächenfraß zu finden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen