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Kolumne Feiertag gesucht

Berlin diskutiert über verschiedene Tage und Daten. Welcher Anlass könnte der richtige sein?

Der 1. Mai war in Berlin früher ein besonderes Datum. Heute gehören Erzählungen über den revolutionären 1. Mai in die Mottenkiste – ähnlich wie Geschichten über billige Wohnungen in der Hauptstadt. Jetzt wird in Kreuzberg eigentlich nur noch protestiert, wenn auf dem Myfest die Bratwurst zu teuer ist.

Trotzdem bleibt der 1. Mai ein außergewöhnliches Ereignis, denn er ist ein Feiertag. Während man in Bayern schon immer vorsorglich zuhause bleibt für den Fall, dass Jesus an dem Tag irgendwas Besonderes erlebt hat, müssen wir in Berlin erstmal googeln, was genau nochmal ein Feiertag war. Als Freiberuflerin erkenne ich einen solchen in der Regel nur daran, dass der Supermarkt geschlossen hat, aber für Angestellte ist es natürlich eine feine Sache.

Berlin hat neun Feiertage und ist damit Schlusslicht in Sachen bezahltes Ausschlafen. Bayern hat bis zu 13, Baden-Württemberg hat zwölf. Nun hat uns der Regierende Bürgermeister Müller einen zusätzlichen gesetzlichen Feiertag in Aussicht gestellt. Nur welcher das sein wird, steht noch nicht fest. Der Reformationstag ist vielen zu kirchlich.

Der 8. Mai wäre ein super Datum, könnte aber auf Himmelfahrt fallen, und wenn der 1. Mai ein Sonntag ist, wäre es der 8. auch. Der 9. November und der 27. Januar sind noch im Gespräch, aber im Januar und November kann man in Berlin auch genauso gut arbeiten gehen.

Der 17. Juni wird trotz Frühsommerbonus in der Debatte nicht so recht favorisiert, weil die meisten ihn heutzutage eher mit der Straße gleichen Namens als mit dem Arbeiteraufstand 1953 in der damaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) verbinden.

Während man in Berlin also diskutiert, hört man aus dem Süden der Republik das traditionelle Gemeckere darüber, dass die Hauptstadt keinen weiteren Feiertag verdient habe, weil sie zu arm ist. Jetzt könnte man natürlich mit Argumenten kommen wie Kriegszerstörung, Wegzug der großen Industriekonzerne, Forschungszentren und Banken nach dem Krieg, Teilung der Stadt, Wiedervereinigung oder seit Jahren wachsende Wirtschafts- und sinkende Arbeitslosenzahlen.

Aber wenn Sie während dieser Aufzählung eingenickt sind, kann ich Ihnen das nicht verübeln. Es geht ja nicht wirklich um eine differenzierte Auseinandersetzung, sondern um das Zelebrieren der eigenen Überlegenheit. Dadurch macht der Föderalismus doch erst so richtig Spaß. Wir Berliner kennen das nicht nur, wir haben es sogar erfunden.

Rufen wir „Hauptstadt!“, schallt es sofort „Länderfinanzausgleich!!!“ aus dem Süden. Wenn nun der Finanzausgleich wie geplant 2020 abgeschafft wird, entfällt ein wesentliches Element der innerdeutschen Stänkerei und noch kann niemand abschätzen, was das für den Frieden im Land bedeutet. Wäre das nicht ein guter Anlass für einen Gedenktag?

Ein Tag, an dem wir symbolisch das ganze Geld verprassen, das in den letzten Jahren aus Bayern zu uns geflossen ist? Ich schlage einen flexiblen Montag im Sommer vor, der nicht in die Schulferien fällt. Da hätten alle was davon.

Wir könnten uns zur Feier des Tages das gute Markenbier im Späti kaufen und im Park grillen und chillen. Weil ich auch Süddeutschen jeden Feiertag gönne, bekommen die im Gegenzug denselben Tag frei zur Feier der Abschaffung des Länderfinanzausgleichs und dürfen den ganzen Tag Flughafenwitze reißen. Ist doch besser als arbeiten.

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