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Kolumne Eine schmucklose Nachricht

Ein Arzt sollte seine Diagnose ein wenig verpacken und den Patienten damit nicht einfach überfallen. Macht er aber nicht.

Vor ein paar Wochen hat mich die Realität erwischt. Es war beim Arzt, ein Orthopäde. Ich hatte Schmerzen im Knie, rechte Seite. Der Schmerz war nicht schlimm, er kam und ging, aber er war da, ein fieses Stechen. Zuerst habe ich es mit Selbsttherapie versucht, Salben im Angebot bei der Apotheke, was keine gute Idee war. Dann musste der Spezialist her, ein Arzt mit Kenntnis. Ich habe zwei Monate auf einen Termin gewartet und mir eingeredet, dass der Schmerz bis dahin von alleine weggeht. Hat er nicht getan, der Hund.

Vom Sprechzimmer des Arztes konnte ich auf die Straße sehen. An den Wänden hingen Bilder: das menschliche Skelett, Muskelstränge in voller Schönheit, das Wunder des Oberschenkelknochens. Ich streckte mein Bein aus und dachte an Flucht, doch zu spät: Der Arzt kam ins Zimmer.

Er ist ein freundlicher Mann mit einer sanften Stimme, der einem alles erklärt. Leider ist er auch sehr direkt. Ein Blick auf mein Knie reichte ihm. Sofort rief er aus: Arthrose! Sehe man sofort! Wie die Kniescheibe verschoben sei! Kein Zweifel möglich. Er klang fröhlich, aus Stolz über das eigene Können und den geübten Blick. Mir aber sank das Herz in die Hose, nein, in die Knie, eigentlich fiel es sogar bis zu den Knöcheln.

Ich sah mich eine Welt betreten, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Ich sah Stützen für die Knie, ich sah Gehhilfen, Termine beim Physiotherapeuten. Ich sah den Mann von der Versicherung in meiner Wohnung stehen um zu ermitteln, in welche Pflegestufe ich einzuordnen sei. Mein Körper schickte Nachrichten an seine Einzelteile mit der Frage, ob bei ihnen alles in Ordnung sei oder sich noch so ein Weichei wie mein Knie versteckt hielt.

Vor allem aber dachte ich: Hätte der Arzt nicht netter sein können? Hätte er nicht sagen können: Herr Heise, nun setzen Sie sich mal, wollen Sie einen Kaffee? Was ich Ihnen zu sagen habe klingt vielleicht schlimm, aber Sie können noch sehr alt werden, ohne Schmerzen. Und dann erst mit der Diagnose um die Ecke kommen? Auf leisen Sohlen?

Zurück am Schreibtisch redete ich mir ein, es würde an den Pfunden liegen. Einfach zu viel Gewicht auf den Knien. Eine Diät würde Abhilfe verschaffen. Ich entschied mich für die 16/8-Version, eine Art Dauerfasten, bei der man 16 Stunden lang nichts isst und 8 Stunden lang alles essen darf. Ich hätte auch die Duken-Diät machen können (keine Kohlenhydrate) oder die Paleo-Diät (essen wie ein Neandertaler), aber mir leuchtete die 16/8-Diät mehr ein.

Sie geht von der Annahme aus, der Mensch sei körperlich in der Evolution nicht über den Status des Sammlers und Jägers hinausgekommen. Sein Körper ist nicht dafür gemacht, immer etwas zum Essen zu haben, sondern nur hin und wieder. Also nur acht Stunden am Tag, wenn das Mammut gerade frisch erlegt ist und kein Kühlschrank in der Nähe, um die Rippchen frisch zu halten.

Die Diät hat funktioniert. Aber mittlerweile denke ich, dass der Grund dafür nicht in der Steinzeit liegt, sondern in der Tatsache, dass man in acht Stunden einfach viel weniger isst. Eine Botschaft, die leider nicht so gut klingt wie das Sammler-und-Jäger-Ding, diese direkte Verbindung zum Nebel, in dem unsere Ahnen versunken sind.

Es ist zu faktisch, hat zu wenig Farbe. Keine Geschichte, mit der man sich selbst belügen kann. Einfach nur die Diagnose. Kurz und schmucklos. Wie beim Arzt: Ein Nazi ist ein Nazi, auch mit weißer Rose im Knopfloch. Morgen geht es zur Physiotherapie.

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