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Kolumne Ein Hoch auf Momente

Wie gelingt das Leben, wenn man 97 Jahre alt ist? Meine Mutter freut sich zunehmend über Kleinigkeiten.

Meine Mutter ist eine Blenderin. Nein, sagt sie am Telefon, sie benötige keinen neuen Termin. Es gehe ihr gut, der Arzt kann warten. Offenbar mag sie nicht mehr aus dem Zustand eines momentanen Wohlbefindens herausgerissen werden.

Mit souveräner Überzeugungskraft wimmelt sie die Arzthelferin freundlich ab. Sie hatte bemerkt, dass ein Arztbesuch längst überfällig war. Aber sie geht nicht mehr hin. Zuletzt hat sie sich immer seltener vor die Tür getraut, obwohl sie doch gerade aus ihrer körperlichen Beweglichkeit heraus zuletzt ihr ganzes Selbstvertrauen bezog. Sie ist jetzt 97 Jahre alt, für einen kleinen Spaziergang ist sie noch immer zu haben. Und was heißt schon zuletzt? Ihr Zeitgefühl hat sich mehr und mehr verflüchtigt.

Lange scheint sie geahnt zu haben, dass die große Lebenskunst am Ende darin bestehen wird, einfach weiterzumachen. Einkaufen gehen, das Grab ihres Mannes versorgen, Blumen gießen. Das bisschen Alltag halt.

Aber seit einiger Zeit fällt ihr das schwer. Sie gab nach, sogar beim regelmäßigen Kirchgang, der ihr als gläubige Katholikin heilig war. Noch vor wenigen Monaten war das Wegbleiben vom Gottesdienst für sie – nein, keine Sünde -, aber irgendwie keine Option.

Wir, mein Bruder und ich, haben es zu spät bemerkt. Sie hat auch uns darin getäuscht, dass ihr Leben noch immer im Lot ist. Das ist es nicht mehr. Wir hatten zu sehr gehofft, dass es noch eine Weile so weitergehen könnte.

Mit 97 ist man schon nah dran an der Ewigkeit. Ihre Begabung, gekonnt über ihren tatsächlichen Zustand hinwegzutäuschen, ist die letzte Behauptung einer Autonomie, die sie bereits nicht mehr hat. Aber da ist sie noch einmal, diese performative Gegenwärtigkeit.

Man meint den Respekt der Arzthelferin vor der alten, 97-jährigen Frau durchs Telefon hindurch zu hören. Vielleicht ist es auch der Ausdruck einer nachvollziehbaren Gleichgültigkeit. Ihre Entscheidung. Sie müssen ja wissen, was sie tun und lassen. Weiß sie das? Leider immer seltener.

Mutter versäumt es, einkaufen zu gehen. Sie versäumt, regelmäßig zu trinken. Sie hat längst vergessen, was am Tag zuvor besprochen worden war. Aber sie hat eine Vorstellung von sich als bürgerliche Existenz. Die gilt es zu wahren. Und so läuft sie am Telefon manchmal noch zur Hochform auf.

Floskeln helfen. Mein Vater sagte im Zustand der fortgeschrittenen Demenz noch Sätze wie: Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen. Am Telefon ist Mutter immerzu bemüht, Grüße auszurichten. An B., an die Schwiegereltern. Wie geht es ihnen?

Die Menschen ihrer Umgebung sind ihr präsent, aber sie bekommt keine Erzählung mehr hin. Es lässt sich keine Linie mehr ziehen zwischen dem, was gestern war und morgen sein wird. Sie weiß das. Sie hatte eigene Memotechniken dafür entwickelt. In akkurater Handschrift machte sie sich Notizen. Grabpflege, bezahlt am 7. Juli. War das womöglich schon im vergangenen Jahr?

Jetzt notiert sich meine Mutter nichts mehr. Allerdings ist sie guter Dinge, sie freut sich auf die Zusammenkunft mit den Enkeln. Geduldig beantworten diese auf die Frage, wo sie studieren und was. Mehrmals in der Stunde. Die Antworten, immer wieder aufs Neue, gehören zu den schönsten Momente des Lebens, das sie noch hat. Und? Sind sie das nicht auch?

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