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Kolumne Die neue Meinungsmacht

„Influencer“ - das klingt ein bisschen wie eine Krankheit. Ist aber keine. Oder vielleicht doch?

Das neue Wort klingt wie eines für Eingeweihte: „Influencer“. Mein Korrekturprogramm unterstreicht den Begriff rot. Es kennt ihn noch nicht. Ältere Freunde ohne tiefe Beziehungen zur Jugend wundern sich über meine Frage und sagen: „Ist das nicht diese Virusgrippe?“ Nein, das ist „Influenza“. Das andere Wort klingt nur so ähnlich.

Influencer kommt von to influence, beeinflussen, Influencer sind Beeinflusser. Das können berühmte Menschen sein – und normale, wenn sie die Begabung haben, sich im Netz darzustellen. Da müssen ihnen nur noch viele Menschen folgen: Unternehmer werden aufmerksam, machen Angebote.

Dass Influencer in privaten Fotos und Videos für Produkte werben, das muss nicht auffallen: Ein Cabrio ist nur halb zu sehen, ein T-Shirt nebenbei, alles wirkt wie Tipps unter Freunden. Influencer nehmen ihre Fans auf Reisen und Events mit und empfehlen Marken, die sie angeblich selbst benutzen.

Menschen, besonders ältere, neigen dazu, alles, was sie nicht kennen, für unwichtig und vorübergehend zu halten. Aber Influencer liegen, was die Glaubwürdigkeit betrifft, vor Printanzeigen und TV-Spots. Sie sind etwas Ähnliches wie Lobbyisten, müssen aber keine Sachkenntnis mitbringen. Es reicht, dass sie als lebendige Werbeflächen das Vertrauen der Kunden gewinnen.

In der neuen „Cosmopolitan“ stehen Influencer als Trendsetter neben Designern, Einkäufern und Journalisten. „Hier verraten sie, in welche Teile sie zum Saisonstart investieren.“ Eine Bloggerin will sich eine geflochtene Tasche für 2500 Euro kaufen. Was sie will, wollen später viele.

Influencer sind ohne öffentliche Nachfrage zu einer Meinungsmacht geworden. Neu ist jetzt nur, dass sie ihre Werbung kenntlich machen müssen.

H&M lässt die Kollektionen einer Tochtermarke von Influencern designen. Deichmann gründet einen „Influencer-Club“. Lokale Anbieter und Mittelständler wollen „was mit Influencern“ machen. Denn die sind die neuen Popstars.

Stefanie Giesinger, Caro Daur, Leonie Hanne, Daniel Fuchs, Dagi Beemachen – Follower verehren sie. Kim Kardashian soll für ein Foto bis zu einer halben Million Dollar bekommen. 109 Millionen Menschen folgen ihr auf Instagram, geschätztes Einkommen 2018: 45 Millionen Dollar.

Bianca Heinicke soll mit „Bibisbeautypalace“ jeden Monat 100 000 Euro verdienen. Sie hat 5,4 Millionen Abonnenten auf Instagram und 4,7 Millionen auf YouTube.

Lisa und Lena sind Instagram-Stars mit 12,4 Millionen Abonnenten. Bekannt wurden sie durch Videos: Sie bewegten ihre Lippen synchron zu ausgewählten Songs. Bei „Germany’s Next Topmodel“ macht später die Teilnehmerin Karriere, die während der Show die meisten Follower angezogen hat.

Ein Sechsjähriger verdient in den USA mit Spielzeugwerbung Millionen, er gehört zu den zehn erfolgreichsten YouTube-Stars der Welt. Zwölfjährige gründen Fashion Blogs und eine Achtjährige ist mit Schminktipps im Geschäft.

Seit zwei Jahren postet die Influencerin Miquela Sousa, 19, auf Instagram. Sie ist Musikerin. Aber sie sieht nur aus wie ein Mensch – sie ist ein programmierter Avatar, eine virtuelle Kunstfigur, eine wie im Film „Avatar“ von James Cameron.

Ihre Follower schieben die Glaubwürdigkeit beiseite und posten: „Schaut euch ihre Sneakers an, die sind kein Fake.“ Aber alles andere.

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