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Kolumne Die Illusion von der heilen Welt

Was haben ein Besuch im Museum und Seehofers Asylpolitik gemeinsam? Beide spiegeln eine Welt wieder, die es nicht gibt.

Beim Brachiosaurus gab sich das Kind noch mit den Erklärungen zufrieden. Es schaute zwar skeptisch, als sein Großvater ihm versicherte, dass das weltweit größte ausgestellte Dinosaurierskelett, Prunkstück des Naturkundemuseums in Berlin, tatsächlich echt sei. Die Kerben in seinen riesigen Knochen, die sich in der Eingangshalle zur imposanten Höhe von 13,7 Metern auftürmen, könnten auch gut aus irgendeinem Kunststoff nachgebildet worden sein, meinte der Zehnjährige im Ton des Kenners, der sich nichts vormachen lässt.

Aber dann gab er sich doch lieber der Vorstellung hin, was so ein vegetarischer Dino-Koloss zu Lebzeiten vor 1,5 Millionen Jahren gefrühstückt habe. Mindestens mal eine Baumkrone, wenn nicht gleich zwei, befand er und tätschelte unbemerkt von den Museumsaufsehern den knöchernen Fuß von Oskar, wie die Berliner den Brachiosaurus nennen.

Kontroverser verliefen die Debatten mit den beiden Großstadtgören, denen wir beim Museumsbesuch die Wunder der Natur näherbringen wollten, vor den in Vitrinen ausgestopften Tieren. „Sieht man doch, die sind künstlich“, behauptete der Junge, steif und fest überzeugt, dass die knallroten Federn der Aras in der Papageienhalle angemalt und die Vögel Attrappen seien. „Alles aus Plastik“, krähte seine kecke, fünfjährige Schwester.

Ihr Opa, selber ein Professor, mühte sich redlich ab, sie eines Besseren zu belehren. „Nein Kinder, wir befinden uns hier in einem wissenschaftlichen Museum und nicht im Playland“, entgegnete er geduldig auf ihre Einwände. Doch die Kids blickten uns an, als ob die Erwachsenen ihnen ja viel erzählen könnten, sie aber längst aus dem Märchenalter raus seien.

Mir taten sie schon ein wenig leid, derart desillusioniert die vielfältige Artenpracht zu bestaunen. Bis wir schließlich vor einem Vogelnest mit ausgebrüteten Küken standen. Das könne nun wirklich nicht echt sein, befand der Junge. Niemand würde doch Vogelküken ermorden, um sie auszustopfen. Da ging mir auf, dass dieses sensible Kerlchen alles für Fake hielt, um sich die Illusion einer heilen, von Tierschützern gelenkten Welt zu bewahren.

Mein Vorschlag, anschließend ein veganes Restaurant zu besuchen, fiel allerdings zugunsten des mehrheitlichen Verlangens nach Lammkoteletts beim Griechen durch. Dort ließ sich zudem auf breitem Bildschirm ein Spiel des WM-Halbfinales verfolgen und in der Pause die Tagesschau mit der Seehofer-Saga, die von einer ganz anderen Illusion, einer Art Heile-Welt-Abschottungsphantasie, handelt.

Ob der sich im politischen Berlin offenbar nur schwer integrierende Bundesinnenminister tatsächlich glaubt, sein „Masterplan Migration“ werde über kurz oder lang Flüchtlinge abhalten, sich nach Deutschland durchzuschlagen? Hofft er im Bündnis mit seinen österreichischen und italienischen Amtskollegen, das Problem wegzuschieben, am liebsten ganz außen vor der Festung Europas zu lassen, auf dass ein Großteil der Asylsuchenden sich in das Schicksal ihrer kriegsgeplagten und wirtschaftlich ausgebeuteten Dritte-Welt-Heimat füge? Das Mittelmeer wird ja schon jetzt mehr und mehr zum ersatzweisen Todesstreifen der Grenzsicherung.

Wir Erwachsenen unterhielten uns über postkoloniale, kleingeistige Politik, mit der die Seehofers dieser Welt hoffentlich auflaufen möchten, derweil die Kinder heimwollten, zu Mama und ihrem I-Pad, um darauf diverse Comic-Helden abenteuerliche Hindernisläufe bestehen zu lassen.

Inge Günther ist Autorin.

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