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Kolumne Der Horror in der Hosentasche

Im Hagel der Infopartikel ergreift das Verstehen die Flucht. Je mehr Freunde wir horten, desto weniger kennen wir sie.

Natürlich: Trauer, Mitgefühl, auch Zorn. Klar. Kommt einfach hoch. Man ist permanent so bewegt, betroffen, bestürzt, dass einem ständig alles hochkommt. Schmidt ist tot, Flugzeuge explodieren am Himmel, Züge stürzen von Brücken. Der Trump hat wieder was gerotzt und Lady Gaga auch. Obendrein werden überall Tiere gequält. Was wird Frau Zschäpe sagen? Und immer noch kommen diese Flüchtlinge. Der Schäuble sieht Lawinen rollen und bekommt ein goldiges Bambi. Noch mehr Unterkünfte brennen. Nein, hier besteht gewiss kein Zusammenhang.

Mein Hirn versucht den Gefühlen hinterherzuhecheln. Es sind zu viele. Sie werden immer schneller. Mein Verstand keucht, er strauchelt, oh nein, er stürzt! Bevor er ohnmächtig wird, wirft er einen letzten Blick auf all die galloppierenden Gefühle. Und tschüss!

Alles hält mich in Atem. Suchmaschinenoptimierte Schlagzeilen prügeln auf mich ein. Und jeder klickt, liket, shart und retweetet sie wie besoffen. Der Horror piept in meiner Hosentasche. Alert! Flash! Breaking News! Hast Du schon gehört? OMG! Jede Äußerung, jedes Event schreit nach dem passenden Gefühl, das in Echtzeit entwickelt werden will. Gerade kommt wieder ein Tweet rein: “#Merkel #Rücktritt sofort! #Hochverrat!“

Wir reden kaum noch miteinander, sind uns aber einig. Verspritzen im irren Takt der „trending topics“ unsere Regungen und Geistesblitzchen. Das bietet uns ultimative Zerstreuung. Stille wirkt bedrohlich. Schweigen ist verpönt. Alle Augen kleben auf Monitoren und Smartphones. Daumen trommeln aufs Display. Schwarmintelligenz mutiert zu Schwarmignoranz. Der kollektive Gefühlsstau mündet in der emotionalen Massenkarambolage. Wir kultivieren ein hyperaktives Aufmerksamkeitsdefizit. Spätestens nach 140 Zeichen werden wir noch nervöser.

Weil es normal ist, 1000 Freunde zu haben und 500 Follower und selbst wiederum 500 anderen zu „folgen“. Freund befiehl, ich folge Dir. Wenn jeder täglich nur einmal twittert, ergibt das jeden Tag ein Buch. Dass die Welt enger zusamenrückt, ist zu 90 Prozent Fiktion. Weil wir sie nie zur Gänze fassen, im Kopf behalten und verarbeiten können. Weil wir uns auf maximal drei Themen konzentrieren – und zu den meisten Menschen, Orten und Entwicklungen niemals ein Verhältnis entwickeln werden, weder intellektuell noch emotional. Wir wissen nicht, was gerade in Belgien, Burundi oder Brunei geschieht, nicht einmal in der Wohnung nebenan. Im Hagel der Infopartikel nimmt das Verstehen Reißaus. Je mehr Freunde wir horten, desto weniger kennen wir sie.

Weshalb es zur Tugend wird, innezuhalten, öfter mal denkend zu schweigen. Sich regelmäßig fernzuhalten von Newsfeeds und Bilderstrecken, vom Top-Ranking der Top-Aufreger. Sich ganz bewusst in ein Thema zu vertiefen. Gar ein Buch ganz zu lesen. Und sich etwa zu erinnern, wer wann zuletzt Bomben auf wen gefordert hat.

Nun Terror in Paris. Wir, ruft ein irrlichternder Kommentator, sind „traurig, zornig, ratlos und entschlossen“. Das kann nicht gutgehen. Schon twittert der Matussek mit dem Söder um die Wette. Plasberg talkt. Gauck mahnt. Döpfner bellt die „Staatskrise“ herbei. Das Haus Saud schweigt. Alle fünf Minuten eröffnet jetzt irgendwer den #Weltkrieg.

Tom Schimmeck ist Autor.

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