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Kolumne Der alltägliche Tod

In einem Altenheim werden regelmäßig Schilder gewechselt und Trauertafeln aufgestellt. Wie soll man damit umgehen?

Altenpflege
Das Pflegeheim ist ein Ort, an dem regelmäßig gestorben wird. Foto: dpa

Das Pflegeheim, in dem ich meine Mutter besuche, ist um einen diskreten Umgang mit Todesfällen bemüht. Wenn ein Bewohner gestorben ist, wird im Eingangsfoyer eine Erinnerungstafel aufgestellt, mit der die Verwaltung im Namen der Bewohner vom Verstorbenen Abschied nimmt.

Unter dem Namen wird ein individueller Sinnspruch zitiert, den vermutlich die Angehörigen ausgesucht haben. Ich bleibe jedes Mal kurz stehen, um das derart Mitgeteilte zu lesen. Hin und wieder meine ich mich an den einen oder anderen Namen zu erinnern.

Beim Gang durch die Flure, die bei schlechtem Wetter als Auslauffläche dienen, um sich die Beine zu vertreten, stößt man unweigerlich auf die Namensschilder der Bewohner. Häufig sind sie mit einem Foto versehen, sie sollen dabei helfen, die Zimmer wiederzufinden, geben aber auch den Besuchern Orientierung. Kürzlich ist eine alte Frau gestorben, die kurz zuvor in die Bewohnervertretung des Pflegeheims gewählt worden war.

Meine Mutter schaut, wenn ich sie im Rollstuhl über die Schwelle zu ihrem Appartement schiebe, immer wieder zu der Tafel mit ihrem Namen auf. Mitunter liest sie sich ihn laut vor, als sei sie überrascht, in dieser fremden Umgebung auf ein Stück Vertrautheit zu stoßen.

Wir befinden uns an einem Ort, an dem regelmäßig gestorben wird. Mehrmals im Monat werden neue Tafeln aufgestellt und die alten nach gut einer Woche wieder entfernt. Wer das Pflegeheim häufig besucht, wird zwangsläufig irgendwann und unausweichlich Zeuge eines Leichentransports, obwohl die Bestattungsbediensteten bemüht sind, ihre Arbeit so unauffällig wie möglich zu verrichten.

Ihr vor dem Eingang geparktes Fahrzeug ist nicht gleich als Leichenwagen zu erkennen. Die vornehme Zurückhaltung, mit der die Bestatter ihre Gerätschaften herrichten, eine fahrbare Bahre, macht aber unmissverständlich deutlich, weshalb sie gekommen sind. Ich vermute, dass meine Mutter von all dem nichts bemerkt. Und selbst wenn es so wäre, würde es sie nicht schrecken.

Mit 98 Jahren hat sie keine Angst mehr vor dem Tod, manchmal sehnt sie ihn sogar herbei. Einfach nicht mehr aufwachen, das wäre es doch. Wenn wir ihr dann sagen, dass wir doch den 100. Geburtstag mit ihr feiern wollen, willigt sie schnell ein. Man müsse es nehmen, wie es kommt.

Die Gelassenheit täuscht, oft ist sie sehr unruhig. Die Gründe für ihre Sorgen wechseln. Einmal fürchtet sie, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Sie habe auf ein Kind aufpassen sollen. Nun aber sei es fort. Dabei habe sie genauestens achtgegeben.

Dahinter scheint sich der Ausdruck eines existenziellen Schuldgefühls zu verbergen. Das Bestreben, ihr alle Lasten zu nehmen, verschafft keine Erleichterung. Trotz ihrer fortgeschrittenen Demenz scheint es eine innere Instanz zu geben, die danach fragt, warum und wozu sie noch da ist.

Was hilft, ist die Anwesenheit vertrauter Personen. Mein Kommen nimmt sie nicht als Besuch wahr, sondern als Zustand, der dauert. Wenn ich wieder gehe, vermag sie ihre Enttäuschung nicht zu verbergen.

Und doch bricht sie die Klage darüber, alleingelassen zu werden, schnell ab. Die Vertröstung auf eine Rückkehr am nächsten Tag bedeutet ihr nichts, aber der Zustand des Innehaltens ist ihr wohl vertraut. Vielleicht ist es das, was dem Tod seinen Schrecken längst genommen hat.

Harry Nutt ist Autor.

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