Lade Inhalte...

KOLUMNE Datensauger und Halsabschneider

Die Sammelwut von Facebook ist das eine, der Diebstahl durch Cyberganoven das andere. Gegen beides können und müssen wir uns wehren.

Wenn von Datenkraken die Rede ist, hat gegenwärtig Google eine Verschnaufpause. Jeder denkt natürlich an Zuckerbergs Firma mit dem kleinen blauen f. Und das aus gutem Grund, weil Facebook auf unglaublich dreiste Weise Datenbanken über Persönlichkeitsprofile seiner Nutzer anlegt, diese zu Werbezwecken analysiert und die Ergebnisse mit Milliardengewinnen verkauft.

Im Unternehmen konnte man sicher sein, dass die überwiegende Mehrheit der Facebook-Gemeinde nie die AGB-Richtlinien in voller Länge lesen und ihre Tragweite begreifen würde und deshalb arglos der Sammelwut und Willkür des Platzhirsches auf dem Datenmarkt ausgeliefert wäre. Nun folgte der Dämpfer, weil der Missbrauch von Facebook-Erkenntnissen über Persönlichkeitstypen durch die britische Firma Cambridge Analytica zu offensichtlich wurde und die Börsenwerte dramatisch einbrachen.

Dass irgendwie auch wieder Steve Bannon, der US-Rechtsradikale und zeitweilige Strategieberater Trumps, über das Geld der Mercer-Familie an der Gründung des Skandalunternehmens beteiligt war, hat eigentlich keinen mehr vom Stuhl gerissen. Bannon verließ die Firma im August 2016, als er in den Wahlkampf einstieg und ihm offensichtlich die Cambridge-Analysen zur Manipulation der Wähler mit eingängigen Slogans zur Verfügung standen.

Das Ergebnis ist bekannt und man weiß schon nicht mehr, ob das noch der alles erfassende Umbruch ins digitale Zeitalter ist oder schon das blinde Tappen in die Falle von Verschwörungstheoretikern. Unsere Vorstellungskraft, was real und was Trugbild ist, wird Tag für Tag auf neue Proben gestellt. Es wird immer unübersichtlicher, wer über welche Daten verfügt und zu welchen Zwecken der Manipulation oder des kriminellen Übers-Ohr-Hauens sie verwendet werden können.

Ein guter Bekannter erhielt kürzlich die Nachricht, dass er mir Geld schulde, die Rechnung finde er im Anhang der E-Mail. Bei Nichtbezahlung drohe ein Inkassoverfahren samt Anwaltskosten. Da er sich nicht an einen Kauf von Postkarten oder Plakaten bei der Edition Staeck erinnern konnte, was ich natürlich bedauere, wurde er stutzig. Waren Adressdiebe im Spiel?

Den Verbraucherschützern sei Dank, denn sie weisen immer wieder auf diese Masche hin und warnen vor Viren und Trojanern, die sich einfängt, wer die angehängten Dokumente öffnet. Dann geht nämlich das unkontrollierte Datenabsaugen erst richtig los – kein Vergleich zur freiwilligen Offenbarung der eigenen Persönlichkeit gegenüber Facebook.

Die E-Mail hatte übrigens einen realen Absender, keine Fake-Adresse, wie sich leicht prüfen ließ. Sie führte zu einer laut Patientenlob auf der Internetseite renommierten Zahnärztin in der teuersten New Yorker Wohnlage nahe dem Central Park. Auch ihr guter Ruf wird beschädigt. Sie und ich, zwei Opfer von Cyberganoven, die davon leben, dass irgendjemand in der Spamflut eingeschüchtert wird und Geld überweist.

Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen, selbstverständlich um seine Seriosität bemüht, warnt regelmäßig vor Inkassoforderungen per E-Mail oder Brief mit gefälschten Adressen. Mit dieser Form bandenmäßig aus dem Ausland betriebener Kriminalität seien bereits Beträge in Millionenhöhe erzielt worden.

Gegen das Absaugen und gegen den Missbrauch von Daten werden wir uns zunehmend wehren müssen. Den großen Firmen kann man mit wirksameren Gesetzen, mit konsequent angewandtem Kartellrecht oder auch mit Verweigerung begegnen. Für die Tricks der Ganoven bleibt nur der gesunde Menschenverstand.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen