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Kolumne Das Meer rauscht für alle

Fast alles gehört ja heute irgendwem, und wer es sich nimmt, gilt als Dieb. Aber zum Glück nicht immer und nicht überall.

Dass abends die halbe Kleinstadt auf der Mole steht und fischt, kommt einem anfangs recht fremd vor. Ein großer Mann im braunen Shirt zieht alle paar Minuten gleich vier Makrelen an Land (Paternoster-Technik!) und stapelt sie in einer professionellen Abtropfschale, die ihm seine Töchter von der gegenüberliegenden Fischhalle organisiert haben. Und er ist nicht der einzige, der hier fette Beute macht.

Mal abgesehen von dem Gedanken an den Tierschutz generell – dürfen die das denn? Frei Angeln und zwar nicht nur für den Eigenbedarf, sondern durchaus als Fischbeschaffung im größeren Stil? Ja, bestätigt die Dame aus der Touristeninformation den deutschen Freunden, deren Sohn diese Freude gerne teilen will. Mit zwei Angeln und einem Hummerkorb darf in der Bretagne jeder losziehen. Die Mole und das Meer sind hier (wie wohl auch in Norwegen und Schottland) für alle da.

Von der eigenen Tätigkeit uneingeschränkt selbst profitieren zu können, ist etwas, was man sich heute kaum noch vorstellen kann. Beim Handwerk müssen Rohstoffe beschafft werden, in der Landwirtschaft wird Pacht fällig, ist Saatgut zu bezahlen etc., von industriellen Tätigkeiten ganz zu schweigen. Der privaten Fischerei vergleichbar wäre vielleicht das herbstliche Pilzesuchen auch im deutschen Wald. Alle anderen nebenkostenfreien Erträge durch persönlichen Arbeitseinsatz, die mir einfallen, gelten als Diebstahl und werden auch durch kein Jedermannsrecht gedeckt.

Denn fast die ganze Welt gehört ja jemandem. Räumlich sowieso. Aber auch ideell. Die Schönheit gehört der Kosmetikindustrie, die Freundschaft Facebook, die Bildung Google und so weiter. Sogar das Schweigen und Nichtstun wird in entsprechenden Retreats organisiert.

Neulich saß meine älteste Tochter auf dem Sofa und las versonnen vor, wann genau sie in den letzten Jahren wo im Ausland war. Erst dachte ich, sie hätte auf dem Smartphone Tagebuch geführt. Aber sie scrollte durch die Liste der Nachrichten von den jeweiligen Telefonanbietern, die einem bei Grenzüberschreitungen die Preise für die bekannten Leistungen nennen. Vertragliches Kleingedrucktes, das als persönliches Reisealbum funktioniert – auch dieser Bereich des Daseins ist jetzt also ökonomisiert.

In dem Jugendbuch „Sieben Monde“ von Marcus Sedgwick, das im englischen Original vor fünf Jahren erschien, kommt eine „One-Degree-App“ vor, die es einem ermöglicht, an jedem Platz der Erde (im Flugzeug oder in einer neuen Stadt) Menschen zu orten, die jemanden kennen, der jemanden kennt, den man selber kennt oder mit denen man sonst eine biografische Gemeinsamkeit hat. Erstaunlich, dass diese App noch nicht wirklich auf dem Markt ist.

Trotzdem: Die bretonischen Makrelen und die Pilze machen – wenn auch nicht zu deren eigenem Wohl – durchaus Mut. Sie lenken den Blick auf das, was noch zur freien Verfügung steht: das Geräusch der Meeresbrandung etwa (wenn man die Fa-Werbung aus dem Kopf bekommt), der Geruch des Waldes, die Dunkelheit oder die Lust, sich den Anforderungen des Tages (ohne Gauloise!) einfach mal zu verweigern. Zwar kleben auch an diesen Dingen meist Werbebotschaften. Aber letztlich nur wie alter Tang, den man abschütteln könnte. Oder wegwischen natürlich – wenn das inzwischen leichter fällt.

Petra Kohse ist Autorin.

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