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Kolumne Das heilende Gift der Verunsicherung

Wer sitzt da neben mir in der Bahn? Und was wird dieser Mensch sagen, wenn das Gespräch auf Flüchtlinge kommt? Es ist gut, dass immer mehr Menschen sich solche Fragen stellen.

Mit den Angriffen auf Flüchtlinge endet für viele die tägliche Unvoreingenommenheit. Foto: dpa

Das neue Jahr beginnt kalt. Der erste Werktag 2016, ein Samstag, und in Berlin ist es doch noch Winter geworden. Die guten Vorsätze sind noch ganz frisch und bei dem Wetter halten sie sich vielleicht etwas länger als im lauen Dezember.
Wollen wir nicht doch den einen oder anderen Wunsch zu allen bisher nur halb eingelösten dazu nehmen? Zum Beispiel den etwas kitschigen nach mehr Mitgefühl?

Die Vorsatz- und Wunschliste wird dann mit jedem Jahr länger. Die Erfahrung, Kontingenz und Gleichzeitigkeit der Ereignisse im eigenen Leben und der Welt zu akzeptieren, gehört dazu. Ich weiß nicht, ob das weise ist oder nur eine Ausflucht, doch allein dieser Gedanke ermöglicht den Optimismus, der für dieses Jahr notwendig sein wird.

Mit den Angriffen auf Flüchtlinge, zahlreichen Anschlägen gegen deren Unterkünfte und nach all dem bösartigen, höhnischen Lachen auf den Pegida-Demos ist ein Gift in die eigene Wahrnehmung eingedrungen, und es wirkt als Verlust der alltäglichen Unvoreingenommenheit.
Wer sich in einer Stadt wie Dresden bewegt, tut es nicht mehr mit einem neutralen oder gar neugierigen Blick des Besuchers. Selbst Menschen, die dort schon immer leben, kennen inzwischen dieses Gift des Misstrauens oder der Skepsis gegenüber ihren Mitmenschen.

Wer sitzt da vor mir in der Bahn? Gehört er oder sie zu den Pegida-Schreihälsen? Passt die Hässlichkeit von rassistischem Neid und Verachtung zu diesem Gesicht? Was wird dieser Mensch sagen oder tun, wenn das Gespräch auf Flüchtlinge kommt? Wird es eine Enttäuschung sein oder eine Erleichterung? Wird es ein Lächeln sein oder eine Fratze? Mit welcher Haltung muss man rechnen? Mit Kälte und Hass? Oder doch mit dieser wunderbaren Selbstverständlichkeit, sich um die Flüchtlinge zu sorgen oder gar zu kümmern?

Das Ende der Gleichgültigkeit

Ich habe im letzten Jahr viele Menschen getroffen, die sich zum ersten Mal darüber Gedanken machen, wer ihr Gegenüber eigentlich ist. Und die das unwillkürlich verunsichert. Das ist gut, denn es beendet die lange Zeit nebliger Gleichgültigkeit dieser vermeintlich blonden Nation. Schon immer haben sich Menschen solche Fragen über Unbekannte oder Bekannte stellen müssen. Es waren meistens die Nicht-Blonden, und das hatte weniger mit der Farbe von Haut und Haaren zu tun, als damit, nicht akzeptiert zu werden.

Sich zugehörig zu fühlen oder nicht liegt zwar auch an Farben, doch ebenso an Perspektiven. Die Juden, die nach dem Krieg in Deutschland waren, stellten sich pausenlos solche Fragen über ihre Mitmenschen. Sie hatten allen Grund dazu. Viele tun es zu recht bis heute. Ähnlich geht es schwarzen Menschen oder Einwanderern. Sie können sich nie sicher sein, ob ihnen jemand hilft, wenn sie bedrängt werden, oder ob der Bedränger selbst vor ihnen sitzt. Jeden Tag mit diesem Zweifel herumzulaufen, ist sehr anstrengend. Wenn sich jetzt auch jene diese Frage stellen, die nie selbst solche Erfahrungen machen mussten, mag das zunächst ein beunruhigendes Gefühl sein, doch ebenso ein Schritt zu mehr Empathie.

Ich wünsche mir mehr Fragen, mehr Perspektivwechsel und mehr Mitgefühl. Denn wo die herzlosen Hasser sind, finden sich gleichzeitig die vielen, deren Empathie von den Ereignissen wach geworden ist. Willkommen im Club und ein gutes 2016!

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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