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Kolumne Das Dorf in unserer Stadt

Statt aufs Land zu fliehen, kann man auch in der City das ruhige Leben entdecken. Ist nicht ganz einfach, geht aber.

Städte können stressen, keine Frage. Sie sind laut, voll, schnell und teuer. Auch die hartgesottensten unter uns kennen Momente der Reizüberflutung. Wer kann schon zur Hauptverkehrszeit in eine überfüllte U-Bahn steigen und sich nicht sofort auf einen Landsitz im Grünen wünschen? Selbst mir fällt das schwer und ich liebe Metropolen (warum ich dann noch in Berlin wohne, ist eine andere Frage). 

Insofern habe ich vollstes Verständnis für alle Berlinerinnen und Berliner, die sich nach dem Landleben sehnen. Sei es nach einem Häuschen in der Uckermark, nach der Einliegerwohnung bei den Eltern auf der Schwäbischen Alb oder nach der Pferdefarm im portugiesischen Hinterland. 

Je voller Berlin wird, desto häufiger höre ich von dem Wunsch nach einem Rückzug aufs Dorf. Manche verwirklichen diesen auch tatsächlich. Meine beiden Geschwister etwa sind aufs Land gezogen, auch wenn sie steif und fest behaupten, dass Hannover in Niedersachsen eine Stadt sei.

Viele andere aber, die sich Berlin manchmal nicht gewachsen fühlen, können nicht einfach weg. Sei es wegen des Jobs, der Familie oder weil sie wissen, dass sie sich in eine eher homogene Dorfgemeinschaft nicht einfügen wollten oder gar nicht könnten. Freie Wohnortwahl ist ja ein Privileg, das nicht jeder Mensch genießt.

Wer sich in Berlin nun dauernd dabei erwischt, Inserate für verlassene Bauernhöfe in der Prignitz zu googeln, kann seinem Traum vom Leben auf dem Dorf mit ein paar einfachen Mitteln näherkommen – auch ohne dafür umziehen zu müssen. Mit ein bisschen Kreativität und Fantasie können wir der Großstadt entkommen.

Beginnen könnten wir etwa damit, in unserer Wohnungsecke mit dem schwächsten WLAN-Empfang alle WM-Finalspiele im Livestream zu verfolgen. Wer sich nicht für Fußball interessiert, kann stattdessen in der U-Bahn probieren, seine E-Mails auf dem Smartphone abzurufen. Zack. Da stellt sich schon das erste Landgefühl ein.

Danach könnten wir versuchen, einen Facharzttermin zu bekommen. Ich brauchte neulich zum Beispiel ein Ultraschall in einer radiologischen Praxis. Zum Glück war meine Geduld schon ausreichend trainiert, weil ich letztes Jahr mal einen Hautarzttermin ausmachen musste. Der einzige Unterschied zur echten Provinz war, dass ich Monate später zu der weit entfernten Praxis mit der U-Bahn fahren konnte.

Vom gefühlten Dorfleben entspannt, könnten wir dann in ein Berliner Restaurant gehen und anschließend versuchen, mit der Karte zu zahlen. Da sind wir dann nicht nur auf dem Land, sondern sogar auf dem Land von vor fünfzig Jahren. Mehr Idylle ist quasi nicht denkbar. Alternativ könnten wir aber auch mal nichts machen, außer vielleicht abends in die eine Kneipe gehen, in die wir immer gehen. Das wäre eine unserer leichtesten Übungen, ich weiß.
Bevor wir dann ins Bett gehen, könnten wir unseren Müll rausbringen und allen Igeln und Füchsen Gute Nacht sagen, die im Hof schon darauf warten, unsere Essensreste in sich reinzuwürgen. Das wird noch mit Sicherheit überzeugender, wenn bald ein paar Wölfe dazukommen.

Zum Abschluss steigen wir dann mit Noise-Cancelling-Kopfhörern in eine U-Bahn. Wir schließen die Augen und atmen tief ein. Wenn wir uns dann vorstellen, neben einem frisch gedüngten Feld zu sitzen, haben wir das Dorf in unserer Stadt gefunden.

Katja Berlin ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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