Lade Inhalte...

Kolumne Das Berliner Bildungsprogramm

In der Hauptstadt dauert es Wochen, bis das Elterngeld genehmigt wird. Andere Städte benötigen eine Woche. Warum ist das so?

Es gibt bekannte Erziehungsratgeber, den dänischen Familientherapeut Jesper Juul zum Beispiel oder den Schweizer Kinderarzt Remo Largo. Weniger bekannt ist die pädagogische Arbeit der Berliner Ämter. Es handelt sich um ein geheimes Programm zur Erziehung der Eltern, das Berliner Bildungsprogramm.

Das Training beginnt harmlos, man denkt, man stellt nach der Geburt einen Antrag zur finanziellen Unterstützung bei der Elterngeldstelle, aber schon ist man mittendrin. Die Elterngeldanträge sind so entworfen, dass sie maximale Aufmerksamkeit verlangen, mit Formularen, die „Anlage E +“ heißen. Sie sollen die Mütter und Väter, die oft nach der Geburt Anzeichen von emotionaler Überwältigung zeigen, wieder in das gesellschaftliche Leben zurückführen.

Mit ein bisschen Mühe kommt man beim Ausfüllen der Formulare im Wochenbett in Schwung. Wenn man das Wort „Einkommensersatzleistungen“ zwanzig Mal still aufsagt, klappt das mit dem Milcheinschuss gleich besser.

Ich sammelte Papiere, Belege, Formulare. 52 Seiten schickte ich dem Amt. Nach zwei Wochen erhielt ich einen Brief, in dem weitere Unterlagen nachgefordert wurden. Darunter waren einige Papiere, die ich bereits gesendet hatte. Das Amt hatte eine Nummer, die man zwei Mal pro Woche für jeweils eine Stunde anrufen konnte. Doch wenn man die Nummer zur angegebenen Zeit wählte, war immer besetzt.

Ich marschierte die Wohnung auf und ab, das Telefon in der einen Hand, das Baby in der anderen. Bald würde die Sprechstunde vorüber sein. War ich gestresst? Unsinn. Ich genoss das, denn ich wusste, ich würde mit jedem Anruf ruhiger, gelassener, fast liebte ich die Warteschleife. Das Kind war allerdings wenig beeindruckt und bekam Hunger.

Schließlich nahm jemand ab. Ich trug mein Anliegen vor. Am anderen Ende stöhnte jemand. Dazu muss man wissen: Wenn Berliner anfangen, sich für ein Thema zu interessieren, wenn sie sich in eine Angelegenheit hineinhängen, dann sagen sie: „Hör’n Se uff, ick werd jetzt mit Ihnen hier nicht über Ihr Problem diskutieren.“ Die Sachbearbeiterin war eine Berlinerin. Sie schimpfte zärtlich und bat, alles nochmal zu schicken.

Beim ersten Kind genehmigte das Amt das Elterngeld nach sechzehn Wochen. Wir haben vier Monate auf das Geld gewartet und lebten in der Zeit von Ersparnissen. Hinter der Wartezeit steckte nicht etwa Behördenversagen, sondern eine Lektion: Wenn man auf das Elterngeld angewiesen ist, sollte man rechtzeitig anfangen, etwas zurückzulegen. Wer das nicht kann, sollte mit dem Kinderkriegen warten, bis er ordentlich verdient.

Manch einer mag das als Skandal bezeichnen, aber er hat das Berliner Elternbildungsprogramm verstanden. Man soll vorausschauendes Denken lernen, die Dinge vom Ende her denken, so macht das die Kanzlerin auch. Irgendwann, wenn die Kinder größer werden, braucht man sowieso einen Kopf wie ein Manager, Listen für Geschenke für die Kindergeburtstage, Termine für Klassenausflüge, Arztbesuche, Wettkämpfe, Gitarrenunterricht. Die Finanzplanung während der Elternzeit ist da nur der Anfang.

Beim zweiten Kind dauerte es bei uns bis zur Bewilligung des Elterngeldes nur acht Wochen, wir hatten sogar noch Geld übrig. Danke, liebes Amt. Nicht in allen Städten wird das Elterntraining so vorangetrieben. Hannover oder Weimar genehmigt die Anträge innerhalb nur einer Woche. Die armen Eltern.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum