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Kolumne Betonköpfe und Überflieger

Mauerspezialisten haben es schwer. Den einen gehen die Argumente aus, den anderen die Insekten.

Gedenkstätte Berliner Mauer
Blick auf die Gedenkstätte Berliner Mauer. Wir Deutschen dagegen haben bewiesen, dass wir Weltmeister im Einreißen von menschenfeindlichen Mauern sind. Foto: imago

Mauern in den Köpfen gibt es reichlich. Sie sind leider allzu häufig und meist ziemlich dick. Beispiele liefert die aktuelle Politik. Die Argumente der Betonköpfe für ein Antimigrations-Bollwerk an der Grenze zwischen USA und Mexiko sind absurd, aber noch nicht in der Schublade verschwunden. Da witzeln die Mexikaner schon, dieser Bau sei gut für die Wirtschaft ihres Landes. Fabriken und Handel bekämen dann Hochkonjunktur, weil die Nachfrage nach Leitern dramatisch ansteige.

Wir Deutschen dagegen haben bewiesen, dass wir Weltmeister im Einreißen von menschenfeindlichen Mauern sind. Der friedliche Triumph fand zunächst in den Herzen und Köpfen statt und setzte sich dann ganz schnell auch richtig materiell fort. Dabei entstand eine neue ökologische Nische.

Die Evolution brachte eine bis dahin unbekannte Spezies hervor, den Mauerspecht. Fleißig schlug der mit Hammer und Meißel (statt der Sichel!) bunte Stückchen aus dem kruden Beton. Ansonsten kommt das Wort Mauer als Bestandteil von Vogelnamen eher selten vor.

Da ist zum einen der Mauerläufer, ein bunter Vogel (besser: ein schön gefärbter Vogel, denn bunte Vögel gibt es bekanntlich auch bei Homo sapiens), der an hohen Felsgebirgen irgendwo von den Pyrenäen bis zum Kaukasus herumklettert. Und dann der allseits bekannte Mauersegler, ein typischer Vogel der künstlichen Felslandschaften, die wir Großstadt nennen. Seine Rufe hört man nicht wie die der meisten Vögel in Wald und Feld, sondern am Himmel über den Gebäuden.

Es war wohl im Mittelalter, als dieser Vogel die – damals neuen – Türme und Burgen, die steinernen Festungen als seinen erweiterten Lebensraum entdeckte. Dabei besuchen Mauersegler die namengebenden Strukturen eigentlich nur, um in deren Nischen ihre Eier abzulegen und die Jungen aufzuziehen.

Ansonsten sind sie fast immer in der Luft, Tag und Nacht, ein ganzes Leben lang. Um Energie zu sparen, nutzen sie die Technik des Segelns. Mauersegler sind Dauersegler. Die Distanzen, die sie überwinden, sind beachtlich. Wenn sie im Frühjahr zu uns kommen, liegt schon eine Äquatorüberquerung in Afrika hinter ihnen. Sie haben weder Sammelplätze noch wirkliche Winterquartiere, fallen nicht wie andere Zugvögel auf einer Zwischenrast irgendwo in Massen ein. Nein, alles spielt sich hoch über unseren Köpfen und oft sogar über den Wolken ab. Menschlichen Beobachtern bleibt der meiste Teil des Lebens dieser Flug- und Segelkünstler deswegen verborgen.

Das vielleicht größte natürliche Problem der Mauersegler ist, dass sie ihre Nahrung, Insekten und Spinnen, im Flug erhaschen müssen. Deswegen sind sie gezwungen, Schlechtwetterfronten auszuweichen. Entweder nach oben oder auch mal schnell über die Alpen, auf die sonnige Südseite. Die noch flugunfähigen Jungen lassen sie dabei zurück, wobei diese weder jammern noch wehklagen. Sie fallen ganz still in eine Hungerstarre, fahren einfach ihren Stoffwechsel herunter, bis das Wetter wieder besser ist und die Eltern Futter bringen.

Wie lange das allerdings noch gut geht, weiß man noch nicht. Denn schon gibt es Befürchtungen, dass die Zahl der Mauersegler abnimmt. Wegen des Insektensterbens. Man mag sich gar nicht vorstellen, dass die klangvoll-schrillen Rufe dieser Frühlingsboten und Sommervögel dauerhaft verstummen könnten. Aber noch sind sie da, zumindest bis August.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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