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Kolumne Berliner Trends

Mode wird in der Hauptstadt immer unwichtiger. Auch der Schlabberlook wird nicht mehr als Street-Style verklärt. Unsere Kolumne.

Haben Sie mitbekommen, dass in Berlin gerade Fashion Week war? Ich auch nicht. Früher scherzte man wenigstens noch darüber, dass man als Ungeübter die Fashion-Week-Besucher und das Stammpublikum in der U-Bahn-Linie 8 modisch nur schwer auseinanderhalten kann. Nun passierte nicht mal mehr das.

Stattdessen beherrschte in dieser pulsierenden, sich ständig neu erfindenden Weltmetropole mehrere Tage lang ein Turnschuh die Nachrichten, in dem ein BVG-Jahresticket eingenäht ist. Dass es ausgerechnet ein Turnschuh und dazu noch ein ziemlich hässlicher war, passt aber auch einfach besser zu Berlin als ausgefeilte Herbstkollektionen.

Ich wohne in Gesundbrunnen. Hier beispielsweise gilt man schon als überkandideltes Modeopfer, wenn die Jogginghose zum Oberteil passt. Das lässt einen abstumpfen. Mir ist mittlerweile alles egal, ich habe mich komplett aufgegeben und mir für diesen Winter eine Funktionsjacke gekauft. Jetzt hält man mich meist für eine Tagesausflüglerin aus Prenzlauer Berg.

Dass Berlinerinnen und Berliner sich nicht schön anziehen, ist ein alter Hut. Daran änderten auch die vielen Französinnen, Schwedinnen, Italienerinnen und Britinnen nichts, die in den letzten Jahren hergezogen sind. In den Innenstadtbezirken trägt man weiterhin ironische Neunzigerjahre-Klamotten, in den Randbezirken unironische.

Allerdings habe ich den Eindruck, dass im Gegensatz zu früher nun alle Versuche aufgegeben wurden, etwas daran ändern zu wollen. Um die Modeblogs wird es stiller und Freiberufler im Homeoffice, die mittags ungeduscht im Schlabberlook zum Supermarkt rennen, werden in Magazinen nicht mehr als lässiger Berliner Street-Style verklärt. Völlig überraschend scheint ein bisschen Realismus über diese Stadt gekommen zu sein.

Immer noch besonders typisch für Berlin sei es, dass hier jeder tragen kann, was er wolle. Theoretisch jedenfalls. Tatsächlich sehe ich selten Menschen auf den Straßen, die auffällig gekleidet sind. Also auffällig im Sinne von herausgeputzt oder hergerichtet. Nicht im Sinne von „warum nicht mal in Nachthemd und Hausschuhen zum Lidl?“. Anscheinend ist also das, was alle tragen wollen, das funktionalste und bequemste, was morgens die Geruchsprobe gerade noch bestanden hat.

Das liegt vielleicht am chronischen Geldmangel oder an der ausgeprägten Individualisierung, die wenig sozialen Druck aufkommen lässt. Nachbarn tuscheln weniger, wenn sie gar nicht wissen, wessen Nachbarn sie eigentlich sind. Auch die äußeren Verhältnisse der Stadt sind eher modefeindlich. Das Kopfsteinpflaster ist der Tod für filigrane Absätze und das Wetter eignet sich nur selten für feine Stoffe.

Ich glaube, all das führte dazu, dass aus der Hauptstadt Berlin eine Art stadtgewordenes Wohnzimmer wurde. Man schlüpft da erstmal in etwas Bequemes, bevor man sich hinfläzt und dann viel länger bleibt, als man vorhatte. Das ist so ansteckend, dass man selbst als modebloggender Besucher irgendwann die Pumps auszieht und den obersten Hosenknopf öffnet, anstatt den Gastgeber weiterhin zu bitten, doch wenigstens den Bademantel zu schließen.

Die Fashion Week konzentriere sich jetzt mehr aufs Business als auf Partys, habe ich gelesen. Ich bin gespannt, ob sie vielleicht damit in Berlin endlich einen Trend setzen kann.

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