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Kolumne Berliner Drama

Staatsoper und Schulen sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden. Kultur und Bildung gehören zusammen.

Jetzt war ich auch endlich in der wiedereröffneten Staatsoper Unter den Linden. Zum einen, weil mich als ebenso begeisterte wie amateurhafte Operngängerin die neue „Tristan und Isolde“-Inszenierung interessiert hat. Zum anderen aber auch, weil man als Berlinerin größere, weitestgehend fertig gestellte Bauprojekte auch nicht alle Tage sieht. Es fehlt ja noch nicht mal ein Teil des Daches oder so.

Der Knobelsdorff-Bau wurde ab 2010 aufwändig saniert. Diese Sanierung erinnert selbst an eine Oper: Ziemlich teuer, sehr lang und mit unerwarteten Hindernissen. Hybris war dabei, Machtkämpfe und bestimmt auch ein bisschen Verblendung. Wir können froh sein, dass zum Schluss nicht noch eine Frau gestorben ist.

Die Wiedereröffnung erfolgte erst vier Jahre später als angekündigt. Anberaumt waren zunächst 239 Millionen Euro Sanierungskosten, von denen der Bund mit 200 Millionen den größten Teil tragen wollte. Am Ende verhielt es sich dann so wie mit meinem Urlaubsbudget. Ungefähr 50 Prozent der Kosten sind vorher einkalkuliert, die andere Hälfte zählt zum Posten „Ach, jetzt kommt’s auch irgendwie nicht mehr drauf an.“.

Ende Februar verkündete Bausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke), dass es noch mal teurer werden wird. Am Ende werden die Baukosten insgesamt mindestens 439,4 Millionen Euro betragen, wovon die Berliner Steuerzahler mehr als die Hälfte begleichen müssen.

Insofern unterscheidet es sich dann doch ein bisschen von meinem Urlaubsbudget. Für den Preis hätte man ja schon eine halbe Elbphilharmonie bekommen! Die hätte mir persönlich auch deutlich besser gefallen als dieser piefige Kitschtempel. Aber trotz allem freue ich mich über die Fertigstellung.

Im Internet wird jetzt wieder darüber diskutiert, wie viele Schultoiletten man von dem Geld hätte sanieren können. Toiletten scheinen ein wichtiger Wert in politischen Debatten zu sein. Eine Einheit Berliner Steuerausgaben sind ein Toilettenbau. Wichtig ist dabei allerdings, dass es sich um Schultoiletten handelt und bloß nicht um Unisex-Toiletten, die wiederum als schlimmste Form der Steuerverschwendung gelten. Es bleibt unklar, wie es sich bei Unisex-Klos in Grundschulen verhalten würde. Da entstünde wahrscheinlich ein Riss in der Matrix.

Ich finde es aber falsch, Schulen gegen Kultureinrichtungen auszuspielen. Bildung, Kunst und Kultur gehören zusammen. Berlins größtes Haushaltsbudget geht ja an die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft, dort werden schließlich ganz andere Summen benötigt. Wir brauchen mehr Lehrkräfte und bessere Schulgebäude. Aber wir sollten uns dennoch eine Stadt vorstellen können, in der es sowohl genug saubere Schul- als auch saubere Operntoiletten gibt.

Und beim Bau beider Varianten möge das Fazit des 2. Untersuchungsausschusses Staatsoper zukünftig umgesetzt werden: Nämlich von vornherein realistische Projektkosten und dem Bauprojekt angemessene Terminpläne aufstellen. Dann kann man sich das Drama für die Aufführungen aufheben.

Am Ende des Abends nahm ich mir übrigens aufgrund der eisigen Temperaturen ein Taxi nach Hause und der Fahrer und ich unterhielten uns lange über Operninszenierungen, Wagneraufführungen und Chorszenen. Unsere Steuern haben wir mit keinem Wort erwähnt.

Katja Berlin ist Autorin.

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