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Kolumne Berlin authentisch erleben

Wenn Touristen die Hauptstadt wirklich kennenlernen möchten, sollten sie beispielsweise mal eine Briefmarke in einer bestimmten Postfiliale kaufen.

Der Berlintourismus boomt immer noch. Gerade hat das Statistische Landesamt bekanntgegeben, dass im ersten Halbjahr dieses Jahres schon 6,4 Millionen Menschen die Hauptstadt besucht haben. Etwa fünf Millionen davon sind mit geführten Radtouren auf der Straße langsam vor mir hergefahren.

Burkhard Kieker, der Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Visit Berlin, hat bei der Veröffentlichung der Zahlen erklärt, dass Urlauber heutzutage nicht mehr nur die Sehenswürdigkeiten ansteuerten, sondern vor allem das „authentische Gefühl vor Ort“ erleben wollten.

Gut, uns allen war klar, dass wir die Touristenströme nicht ewig mit dem Checkpoint Charlie hinhalten können. In Zeiten von Erfahrungsberichten im Internet wird es auch immer schwieriger, den Alexanderplatz als Highlight zu verkaufen. Vielleicht wäre es nun also an der Zeit, umzudenken und ein bisschen gastfreundlicher zu werden.

Wenn unsere Besucherinnen und Besucher das echte Berlin erleben möchten, schlage ich vor, das als Chance zu sehen und neue Tourismusmodelle zu entwickeln. Rom hat seine Geschichte, Paris hat sein Flair, London seine Coolness und wir haben unsere Authentizität. Damit lässt sich doch arbeiten.

Ich habe deshalb ein individuelles Programm für Gruppen erstellt, das man bequem an einem verlängerten Wochenende schafft. Es strotzt nur so vor Berlingefühl und kann darüber hinaus in Jogginghosen absolviert werden. Näher kann man dem echten Leben in der deutschen Hauptstadt nicht kommen.

Zum Auftakt versammelt sich die Touristengruppe freitags in der Post am Rosenthaler Platz und stellt sich in die Schlange, um eine Briefmarke zu kaufen. Das kann je nach Jahreszeit einige Zeit in Anspruch nehmen. Wer etwa in der Vorweihnachtszeit nach Berlin kommt, schafft nach diesem Programmpunkt nicht mehr viel. Diejenigen, die den Verkaufsschalter erreichen konnten, fahren anschließend mit der U8 in das Gesundbrunnen-Center, wo alle ihre Souvenirs kaufen müssen. Als abendliches Highlight wird die Gruppe dann auf mehrere Autos verteilt, von denen jeder in Friedenau einen Parkplatz suchen muss.

Der Sonnabend beginnt am S-Bahnhof Hohenzollerndamm mit dem Warten auf die Ringbahn. Auch hierbei kann es sich theoretisch um den einzigen Programmpunkt handeln. Dafür bleibt es nah am echten Berliner Leben. Wer Glück hat und einen störungsfreien Tag erwischt, hat gleichzeitig allerdings auch Pech, denn er muss jetzt Ringbahn fahren.

Aussteigen darf man nur, um zu einem der großen Möbelhäuser in den Randbezirken zu gelangen. Dort streitet man sich dann mit seinem Partner darüber, ob zu Hause noch genug Teelichter vorrätig sind. Das Abendprogramm besteht ganz authentisch aus Stulle, Ferngucken und früh ins Bett gehen.

Am Sonntagmorgen muss jeder zunächst ungeduscht im Schlafanzug H-Milch im Späti kaufen und auf dem Weg zurück mit seinen Hausschlappen in Hundekacke treten. Dann machen alle in ihren Ferienappartements noch ein bisschen sauber und dürfen als Abschluss den typischsten aller Berlinmomente erleben: Die gesamte Gruppe findet sich zusammen, um gemeinsam über Touristen zu motzen.

Ich möchte noch einmal betonen, dass meine gesamte Programmidee ganz ohne geführte Radtouren auskommt und freue mich über Interessenten und Investoren.

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