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Kolumne Aussteigen bitte!

Der Versuch, dem Stress und dem Konsum zu entgehen, hat eine lange Geschichte. Und er kann ganz unterschiedliche Formen annehmen.

Es ist eine Szene aus meiner Kindheit, aber sie kommt mir vor wie aus einer anderen Welt. Zum Familienritual gehörte damals, dass wir alle, die Eltern, mein Bruder, ich und der Opa, an hohen Feiertagen uns nach dem Nachmittagskuchen um das Telefon im Flur versammelten, um die Tante im 600 Kilometer entfernten Allgäu anzurufen.

„Macht schnell“, mahnte uns mein Vater, nachdem er die Nummer auf der Drehscheibe gewählt hatte. „Auswärtsgespräche sind teuer.“ Dann ging der Hörer reihum. Die Erwachsenen sprachen zwei, drei Sätze, und wir Kinder krähten aufgeregt „Frohes Fest, auch von mir“ hinein. Schon die kurze Verbindung über die uns unerhört weit vorkommende Distanz löste ein gewisses Hochgefühl aus.

Das waren stressfreie Zeiten im Vergleich zu heute, dem digitalen Zeitalter, das uns per Rundmails und SMS mit einer Flut an Informationen, vieles davon Plattitüden, überschwemmt. Natürlich kann ich als News-Junkie nicht ohne Handy, aber ich muss gestehen, die Löschtaste besonders gerne zu drücken.

Nur: Sich völlig ausklinken aus dem globalen Geschehen? Das ist etwas für luxuriöse Exzentriker wie den US-Amerikaner Eric Hagerman, der nach der Wahl von Donald Trump beschloss, von alternativen Fakten und politischen Turbulenzen nichts mehr wissen zu wollen.

Der frühere Manager eines Sportschuhkonzerns hat sich zur Nachrichten-Askese entschlossen. Dass er dies in einer vielgelesenen Zeitung kundtat, lässt sich unter den Widersprüchen des Lebens verbuchen. Sein Experiment, alles auszuschalten, was nicht mit Privatem zu tun hat, nennt er „Blockade“. Er zieht es vor, sich lieber auf seiner Farm zu langweilen. Selbst wenn Gäste kommen, besteht er auf politikfreier Unterhaltung.

Das war bei den Landkommunen noch anders, die in den 80er Jahren im hessischen Vogelsberg oder im traumhaften Umbrien alternative Lebensformen versuchten. Auch sie bestanden aus Aussteigern, aber im Sinne einer ökologischen Gegenkultur zum kapitalistischen Wachstumszwang. Autark zu werden, schafften die wenigsten Mitglieder. Doch wenn sie nach Frankfurt kamen, wurde in linken Wohngemeinschaften bei Rotwein und mitgebrachtem Ziegenkäse aus Eigenproduktion heftig politisch diskutiert.

Das Motto „Haltet die Welt an, ich will aussteigen“, das irgendjemand im Zeitalter des Kalten Krieges und des atomaren Rüstungswettlaufs erfand, motivierte manche zum Einstieg in grüne Politik. Andere hielten sich mit einer kargen Existenz in ländlicher Idylle über Wasser oder gingen wie ich in den Journalismus.

Das Ding mit dem Konsumverzicht klappte nur bedingt, scheint jedoch wieder neue Kreise zu ziehen. Über ihr Jahr ohne Shopping berichtete unlängst die Autorin Ann Patchett in der „New York Times“. Ihr Beschluss, sich zwölf Monate lang keine Klamotten, Kosmetik oder technische Neuheiten zu kaufen, habe eine Menge in ihrem Kopf freigesetzt. Die Übung sei ihr weit leichter gefallen als gedacht. Der Kaufdrang schwinde, wenn man ihm nicht gleich nachgebe.

Bitte dies nicht als Rat an arme Leute missverstehen! Genug Geld zu besitzen, aber sich ein schönes Stück zu versagen, ist ein privilegierter Genuss und nicht das Gleiche, wie es sich nicht leisten zu können. Mit weniger auszukommen, kann dennoch glücklich machen. Nicht gerade die auf Zuwachs angelegte Wirtschaft. Meine Kindheit allerdings hat davon profitiert.

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