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Kolumne Ausgepfiffen

Planen lässt sich alles Mögliche. Die Folgen zeigen sich dann, wenn es fertig ist. Das ist mit Verboten nicht anders als mit Fahrradwegen.

Vor nicht allzu langer Zeit schlug ein Kollege auf einer meinungsbildenden Plattform vor, man solle es unter Strafe stellen, wenn Männer Frauen hinterherpfeifen. Klingt menschenfreundlich, hat aber zwei Haken.

Erstens muss der Verbotstext noch erfunden werden, um den Vorgang juristisch wetterfest zu formulieren, was wahrscheinlich zu einem Satzungetüm führen wird wie: „Verbot ungezügelt geäußerter Freude bei Anblick eines subjektiv als schön empfundenen Menschen, der objektiv nichts mit einem zu tun haben will.“ Zweitens dürfte es in der Praxis außerordentlich schwer sein, den Tatbestand zu beweisen. Denn wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob der Pfiff der Frau galt oder dem Polier, weil das Bier schon wieder alle ist?

Das Problem bei solchen Vorschlägen ist nicht die Idee, sondern die mangelnde Bereitschaft, sie auch auf ihre Durchführbarkeit zu prüfen, bevor man damit an die Öffentlichkeit geht. Manchmal bleibt es nicht bei der Idee. In Berlin hatten sie den glorreichen Gedanken, neue Fahrradwege anzulegen. Im Prinzip nicht schlecht, aber man sollte aus zwei Autospuren nicht nur eine Autospur und eine Fahrradspur machen, sondern auch an die Folgen denken, wenn die Fahrradspur nur auf den Asphalt gezeichnet ist.

Nun wird sie vor allem als Parkstreifen genutzt von Lieferanten wie UPS, DHL, Hermes oder Lieferando, und wer an den Lkws vorbei will, lebt als Fahrradfahrer noch gefährlicher als zuvor. Mit einem Schuss Paranoia könnte man vermuten, der zuständige Sachbearbeiter sei von Amazon und Zalando geschmiert, wahrscheinlich aber hat wieder keiner nachgedacht. In jeder Stadt, die noch eins und eins zusammenzählen kann, werden Autoverkehr und Fahrradweg durch Barrieren getrennt, wie in Amsterdam oder Paris.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin kein verbohrter Fahrradfahrer, ganz im Gegenteil. Neulich hätte ich fast einen verprügelt, weil er mir in der Dunkelheit, ohne Licht, mit schwarzen Kleidern und schwarzem Fahrrad in einer dunklen Straße, die Vorfahrt genommen hat. Statt mir und meinen phänomenalen Bremskünsten zu danken, beschimpfte er mich als Auto-Nazi.

Auch von den Mieträdern auf App-Basis halte ich nichts. Sie vermehren sich in der Stadt wie die Blaualgen im Badesee bei Sommerhitze. Weder die Zahl der Verleihfirmen ist zu überblicken noch die Zahl der Fahrräder. Überall stehen sie herum und versperren den Weg: In den Parks liegen sie im Gebüsch, ihre Lenker ragen aus dem Teich des Biotops hervor, das von einer Grundschulklasse mühsam angelegt wurde, und einmal sah ich ein Leihrad an einem Baum hängen. Will man sich beschweren, ist keiner verantwortlich, weil Start-ups nie verantwortlich sind, sondern immer nur das Gute wollen und die Welt besser machen.

Ich weiß, ich klinge wie ein spießiger Meckerfritze, der auf Handwerker-Koks ist (ein Kasten Bier, zwei Pullen Nordhäuser), aber unter uns: Wo sind all die Hippie–Ideale hin? Ist nicht aus jedem von ihnen ein Geschäftsmodell geworden? Aus der vernünftigen Idee, sich die Güter der Erde zu teilen, wurde Share. Aus Gastfreundschaft und Gemeinschaft wurde Community. Aus Nachbarschaft und Anerkennung wurde Like.

Es ist, als wäre Woodstock einen langsamen, aber gründlichen Erstickungstod im Silicon Valley gestorben. Wer will, kann die glorreichen alten Tage, als das Wünschen noch geholfen hat, auf Youtube bewundern. Oder man pfeift drauf.

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