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Kolumne Auf dem roten Teppich

Die Verleihung der Zeugnisse ist vorbei, und auf jeden Fall lässt sich sagen: Die Performance der Abiturienten sitzt schon ziemlich gut.

Bei der Verleihung der Abiturzeugnisse fand der Schulleiter deutliche Worte. An sozialer Kompetenz, die zu lehren sich die Schule durchaus zur Aufgabe gemacht hätte, mangele es diesem Jahrgang leider weitestgehend: Nur drei von 99 Angesprochenen seien am Vormittag zum Arbeitseinsatz erschienen. Dabei hätte die Vorbereitung der eigenen Zeugnisausgabe doch allen am Herzen liegen müssen!

Zudem bereitete ihm die Statistik der Abschlussnoten Sorgen: Einige wenige Schüler und Schülerinnen an der Spitze, und der große Rest im unteren Spektrum des gerade noch Zulässigen. Wo bliebe die Mitte, die man im Alltag an verantwortungsvollen Positionen (in Krankenhäusern und Gerichtsgebäuden) so dringend brauche? Die Solidität und Zuverlässigkeit der Mitte gelte zwar nicht als cool, sei für unsere Gesellschaft aber überlebensnotwendig.

Das sagte er ganz freundlich und ohne irgendwie persönlich klingenden Vorwurf. Er wollte einfach nicht verschweigen, dass er das dachte. Er wollte diese eine, für ihn letzte Chance, etwas zu vermitteln, nutzen. Insgesamt sei von jenen, die vor fünf Jahren in die siebte Klasse dieses Gymnasiums aufgenommen wurden, nur jede und jeder zweite zu den Prüfungen zugelassen worden. Und dreizehn, hörte man später, hätten nicht bestanden; das sind mehr als zehn Prozent.

Das an die Rede anschließende Defilee der Absolventen, bei dem sie den Saal vor aller Augen durchqueren und auf die Bühne kommen mussten, um ihre Zeugnisse entgegenzunehmen, zeigte sehr gut, was mit dem Verweis auf die Coolness gemeint war. Ein Olympiasieger (beiderlei Geschlechts) nach dem anderen erklomm aufrechtesten Ganges die Bühne, posierte, provozierte gestisch oder tänzelte, den Beifall der anderen heischend, auf den Schulleiter zu.

Im Hintergrund wurde dazu je ein fotografisches Statement zur eigenen Entwicklung vom Kleinkind zum Schulabgänger projiziert. Duckfaces waren unter den aktuellen Bildern reichlich zu sehen, maximal ausgelassene Freundschaftsszenen, aber auch ernstere Inszenierungen wie die des Gerade-Noch-Schülers, der neben einer fachgerecht aufgestellten türkischen Flagge staatsmännisch auf einem Stuhl thronte. (Dazwischen natürlich auch moderatere Auftritte.)

Buchstäblich war dies eine Stunde (nein: fast drei), in der man plötzlich zu viel und doch fast nichts mehr von diesen Jugendlichen wusste. Die Performance auf dem roten Teppich stimmte perfekt. Aber was war es noch einmal, was sie dorthin gebracht hat?

Natürlich sprach der Schulleiter pro domo. Keineswegs ist im Fall schlechter Zensuren automatisch von Mangel an Intelligenz oder Begabung auszugehen, und Selbstbewusstsein (egal, woher es geklaut ist) wertet das Zeugnis bei der Jobsuche sicher mehrere Zehntel auf; den Rest wird die fachliche Praxis richten.

In der Weigerung, sich staatliche Bildungsvorgaben mehr als unbedingt nötig zu eigen zu machen, liegt allerdings durchaus etwas Subversives. Gleichzeitig ist die Unterwerfung unter die Bildsprachen der Macht und des Erfolgs nicht zu übersehen.

Es wird neue Werkzeuge brauchen, Gruppen wie diese einzubinden und zu motivieren. Wobei es wohl weniger die soziale Kompetenz ist, an der es hier mangelt. Sondern die Erfahrung, dass es nicht um das Ziel geht, sondern immer um den Weg.

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