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Kolumne Am PC verzettelt

Duscht jemand lange nicht, hat er dann seine Haare auch nicht gewaschen? Manche Frage duldet keinen Aufschub. Über viele Dinge weiß man viel zu wenig. Wie zum Beispiel über die Meisterschaft der Pfeifenraucher.

Statt im Internet zu surfen, sollte man lieber unter die Dusche gehen. Foto: dpa

Was weiß man über das Dorf Hemmoor? Wahrscheinlich wenig, zu wenig. Aber bevor es dorthin geht, ein paar Zeilen über Dinge und Leute, die einem keine Ruhe lassen, wie dieser Chemiker Dave Whiltock aus den USA, der kürzlich Weltruhm erlangte mit seiner Behauptung, er habe seit zwölf Jahren nicht mehr geduscht. Das ist schon einmal erstaunlich. Erstaunlicher noch seine Begründung: Duschen ist ein wissenschaftlich betrachtet unhaltbarer Vorgang. Whitlock sagt, er verfüge über keinerlei Daten, die den Sinn des Duschens belegen. Also sprüht er sich seit Jahren Bakterien aus Hühner-, Schweine-, und Kuhställen auf die Haut, das ganz Grobe, was an ihm dranhängt, bürstet er einfach weg.

Unglaublich! Nicht duschen? Meinetwegen. Aber der Mann muss sich doch die Haare waschen. Geht doch gar nicht anders, jeder Mensch auf dem Planeten wäscht sich doch ab und an die Haare, wenn er nicht komplett verspacken will. Was einem keine Ruhe lässt, muss geklärt werden. Also Bildersuche im Internet: Ist Whitlock verspackt? Es ist ganz einfach: Er hat eine Glatze. Ganz am Rand ein paar Haare, aber spärlich und nicht der Rede wert. Und die glänzende Ebene dazwischen poliert er mit seiner bakteriellen Ursuppe ein, gewiss.

Und jetzt Hemmoor in Niedersachsen, auch so eine Sache, die geklärt werden muss. Hemmoor hat 8700 Einwohner, liegt beinahe an der Nordsee, hat ein Zementmuseum und war kürzlich Austragungsort einer deutschen Meisterschaft, der 42., um es genau zu sagen. 120 Pfeifenraucher waren aus Deutschland gekommen, um den Besten der Besten auszurauchen. Drei Gramm Tabak pro Nase, zwei Streichhölzer, ein Holzstopferchen, alle hocken an Zehnertischen, alle haben geübt. Sieger ist, wer am längsten raucht. Es geht nicht um schöne Kringel oder den undurchsichtigsten Rauch.

Also qualmten sie, und schwiegen und blickten ernst in den sich verfinsternden Saal. Und was ich mich fragte: Wenn es Meisterschaften gibt, trainieren die das vorher zu Hause? So wie Fußballer Fußball trainieren? Müssen sich Ausdauerraucher gesund ernähren? Gibt es Spitzenmannschaften, möglicherweise mit einer Art Jogi Löw als Rauchtrainer? Gibt es ein Supertalent, einen rauchenden Götze, einen, der vor Ehrgeiz brennt, dem der Trainer kurz vor dem wichtigen Turnier in Hemmoor leise ins Ohr flüstert: „Zeig der Welt, dass du besser qualmst, als Helmut Schmidt es tat?“

Sieger in Hemmoor wurde jedenfalls ein Herr Ullrich Schäfer von der Mannschaft „Puba-Arnsberg“ aus der Nähe von Dortmund. Er rauchte stoisch vor sich hin, so wie einst Schmidt in Fernsehstudios, Theatern oder Nichtraucherzimmern, immer ein Feuerwehrmann in der Nähe. Und als es vorbei war und Ulrich Schäfers Pfeife erkaltete, da waren es eine Stunde und 16 Minuten, gleich 76 Minuten. Das ist erstaunlich, aber nicht erstaunlich genug. Der Weltrekord liegt bei drei Stunden und 33 Minuten. Organisator Gerald Müller vom „Rauch- und Unterstützungsclub Warstade“ kam auf 55 Minuten: „Keine Glanzleistung“, gab er sich zerknirscht.

Muss man das wissen? Überhaupt nicht, aber so etwas kommt dabei heraus, wenn man eigentlich duschen will und sich dann ein halbes Stündchen am PC verzettelt.

Bernhard Honnigfort berichtet für die FR aus den Bundesländern.

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