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Kolumne Alles geteilt, nur nicht Berlin

Niemand hat mehr irgendetwas für sich allein. Das klingt gut. Aber es gibt Dinge, da hört der Spaß dann doch auf.

Als Berlinerin habe ich ja eigentlich gehofft, dass die Zeiten der Teilung hier endgültig vorbei wären. Weit gefehlt. Heutzutage teilt man zwar nicht mehr die Stadt in zwei Hälften, dafür aber alles andere.

Mit Carsharing fing es an, zumindest im größeren Rahmen. Die Idee klang ja zunächst verlockend. Niemand muss mehr ein Auto besitzen, die Straßen werden leerer und die Umwelt wird auch noch geschont.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Leute fahren in geliehenen übermotorisierten Kleinwagen durch die Stadt und zahlen dafür pro Minute, nicht etwa pro Kilometer.

Man muss wirklich keine Expertin für Verkehrspsychologie sein, um die Schwachpunkte dieses Konzepts zu erkennen. Trotzdem blieb es nicht nur bei Autos. Dem ausufernden Bikesharing etwa ist es zu verdanken, dass nun auch die wenigen Straßenecken Berlins, in denen noch keine Sperrmüllsammlung steht, mit Fahrrädern vollgestellt werden.

Selbst bei den Elektrorollern habe ich Zweifel. Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass man ja nicht nur den Roller, sondern auch den dafür benötigten Helm mit fremden Menschen teilt.

Die Abkehr vom Besitz erfasst aber noch mehr Lebensbereiche. Vor allem Menschen unter 35, die sogenannten Millennials, bezeichnen sich immer häufiger als polyamourös. Das bedeutet, dass sie mehrere Partner haben, die auch wiederum mehrere Partner haben können. In diesem Sinne werden ganz unterschiedliche neue Beziehungskonzepte ausprobiert, die nur eines gemeinsam haben: die Abkehr von der traditionellen monogamen Heterobeziehung. Ein polyamouröser Mensch hat unter Umständen also keinen Partner mehr exklusiv für sich selbst.

Das verurteile ich keineswegs, denn die monogame Ehe war ja bislang auch nicht für jeden Menschen eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Wer meint, Singles seien unglücklich, hat wahrscheinlich noch nie Paare beobachtet. Trotzdem sind diese Konzepte für mich persönlich nur theoretisch interessant. Praktisch finde ich es schon schwer genug, einen einzigen Menschen zu finden, dessen Kaugeräusche mir nicht auf den Keks gehen.

Nun allerdings macht der Teilungstrend selbst vor dem Allerheiligsten nicht mehr Halt, und da hört für mich der Spaß auf. Neuerdings wird man nämlich in vielen Restaurants vor dem Bestellvorgang von der Bedienung streng ermahnt, dass man die Speisen aber bitte schön zu teilen habe. Das Essen werde auf Tellern in die Tischmitte gestellt und jeder dürfe sich dann von allem nehmen.

Ich bitte Sie. Als mittleres von drei Geschwistern bin ich doch nicht erwachsen geworden, um jetzt immer noch mein Essen teilen zu müssen. Nicht, dass ich nicht auch andere probieren ließe, aber sich zu zweit, zu dritt oder zu fünft auf Speisen zu einigen, die alle essen wollen und können, ist ein kommunikativer Akt, den ich mit leerem Magen einfach nicht tätigen möchte.

Wenn ich als Sandwichkind aber eines gelernt habe, dann ist es der Trick, wie man ums Teilen herumkommt: Man leckt einfach schnell alles an, dann will niemand anderes mehr davon abhaben. In Restaurants klappt diese Technik übrigens nach wie vor hervorragend, ich lege sie Ihnen wärmstens an Herz. Bei Partnern hingegen bin ich mir da nicht so sicher, aber es käme wohl auf einen Versuch an.

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