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Kolumne Affenquälerei und Zeichentrick

Die Abgasversuche der Autolobby sind Anlass genug, Tierversuche grundsätzlich zu überdenken. Die Kolumne.

Demo gegen Tierversuche im Auftrag von VW. Foto: Imago

Es war fast nur eine Fußnote im Dieselskandal. Kaum gemeldet, verschwand sie wieder aus den Medien. Dabei war durchaus sehr bemerkenswert, was sich die „Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT)“ da geleistet hatte, die von den Autokonzernen BMW, Daimler und VW betrieben wurde. In ihrem Auftrag sperrte ein US-amerikanisches Untersuchungslabor zehn Javaneraffen in Glaskästen und ließ sie Dieselabgase einatmen. Die EUGT wurde nach dem Bekanntwerden der Versuche schnell aufgelöst, was bezeichnend ist, aber den Skandal nicht kleiner macht.

Wie man liest, sollte bewiesen werden, dass Abgase moderner Dieselautos unschädlich sind. Schon dieser Forschungsansatz ist alarmierend unwissenschaftlich, denn das Ergebnis wurde vor den Tests festgesetzt. Damit es den Auftraggebern in den Kram passt. Wieso hat der wissenschaftliche Forschungsbeirat des EUGT da nicht gleich protestiert? Dass man einen abgasmanipulierten VW Beetle mit einer Superdreckschleuder, einem 20 Jahre alten Diesel-Truck verglich, ist fragwürdig genug. Fast lustig ist, dass VW als Federführer der Studie die eigenen Forscher an der Nase herumführte, indem sie ihnen ein Auto vorsetzte, das mit Schummelsoftware ausgestattet war.

Warum hat man überhaupt zugelassen, dass Affen so gequält werden? Ach nein, sie wurden ja gar nicht so sehr gequält. Sie bekamen zur Ablenkung doch Zeichentrickfilme gezeigt. Im Bericht der Forscher heißt es, die Tiere seien sehr gestresst gewesen. Immerhin nimmt man an, dass dies nicht an der Qualität dieses Unterhaltungsprogramms lag, sondern daran, dass man ihnen immer wieder Endoskope durch Mund oder Nase über die Luftröhre bis in die Bronchien einführte. Als diese Quälerei Anfang 2018 aufflog, distanzierten sich BMW und Daimler umgehend. VW entschuldigte sich irgendwann. Natürlich nicht bei den Affen, die dürften den Weg fast aller Versuchstiere gegangen sein. Als sich dann auch noch die deutsche Kanzlerin empört hatte, wuchs schnell das sprichwörtliche Gras über die scheußliche Angelegenheit. Schwamm drüber, aus, vergessen.

An diesem Fall beunruhigt einiges: Der Versuch war eine Tortur für die Tiere, der wissenschaftliche Ansatz und die Durchführung waren von Anfang an nicht nur fragwürdig, sondern absurd. Da fragt man sich, mit welcher Leichtfertigkeit Tierversuche geplant und genehmigt werden. Und wie viele fallen gar nicht auf, werden nie bekannt? Dass die Automobilindustrie übel trickst, daran haben wir uns inzwischen gewöhnen müssen. Dass solch absolut inakzeptable Praktiken mit ein paar Worten der Distanzierung und des Bedauerns beerdigt werden können und keiner nachhakt, wer da Verantwortung hatte und was die Konzernleitungen tatsächlich wussten, ist eigentlich ein weiterer Skandal.

Man kann nicht alle Firmen boykottieren, die ihre Produkte an Tieren testen. Dazu herrscht im Dschungel der Zulassungsverfahren und Vorschriften viel zu wenig Transparenz. Die Tierschutzgesetze sind zudem schwach, die Kontrollmöglichkeiten beschränkt. Das Bekanntwerden dieses so offenkundig brutalen, unethischen und völlig unwissenschaftlichen „Forschungsvorhabens“ hätte ein Anlass für grundsätzliche Überlegungen sein können, wie wir künftig mit Tierversuchen umgehen. Im Namen des Volkes, nicht des gleichnamigen Wagens.

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