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Klimawandel Lurchi stirbt den Klimatod

Die Natur schlägt Alarm. Salamander und Frösche sind in Not. Und für Vorsorge ist es wieder einmal viel zu spät. Unsere Kolumne.

Feuersalamander
Ein mikroskopisch kleiner Pilz bringt unsere Feuersalamander an den Rand der Ausrottung. Foto: imago

Manche Pilze schmecken gut. Andere sind giftig. Viele sind lästig, wie der Fußpilz. Weitere höchst nützlich, wie die Hefen zum Backen und Bierbrauen. Schimmelpilze im Bad sind unhygienisch, die im Käse aber eine Delikatesse. Und alle Pilze zusammen bilden eine Welt, die viele Rätsel aufgibt. Pilze sind keine Tiere und keine Pflanzen, sondern sie formen ein eigenes Reich neben diesen beiden Reichen. 

Ein mikroskopisch kleiner Pilz ist gerade damit beschäftigt, unsere Feuersalamander an den Rand der Ausrottung zu bringen. In Belgien und den Niederlanden hat er es schon geschafft. Er wütet dort still und heimlich seit einem knappen Jahrzehnt. Fast alle Salamander sind ihm in dieser kurzen Zeit zum Opfer gefallen. Batrachochytrium salamandrivorans haben ihn seine Entdecker wissenschaftlich getauft. Ein Name zum Zungenbrechen, der immerhin weniger dramatisch klingt als die zutreffende Übersetzung „Salamanderfresser“. 

Der Pilz tritt explosionsartig auf und vernichtet ganze Populationen. Es ist beängstigend, dass diese katastrophale Entwicklung in der Öffentlichkeit so gut wie nicht wahrgenommen wird. Dabei ist unser gelb-schwarzer Lurchi in höchster Gefahr. 

Den Pilz gibt es schon lange. Er stammt aus Asien, und die dortigen Lurche hatten viel Zeit, Gegenstrategien zu entwickeln. Bei uns aber ist er neu, und unsere Amphibien haben keine Abwehrmechanismen. Eingeschleppt wurde er wohl über den Lebendtierhandel. Eine ganz ähnliche Entwicklung begann schon vor rund 20 Jahren in Mittelamerika mit einem nahe verwandten Pilz, der inzwischen in vielen Teilen der Welt Froscharten ausgelöscht hat. Hat die Infektion erst einmal zugeschlagen, ist man völlig hilflos.

Inzwischen gilt als einigermaßen gesichert, dass Klimawandel, Gifte, Schädigung der Lebensräume und andere Faktoren im Zusammenspiel die Amphibien unter Umweltstress setzen und ihre Abwehrkräfte deswegen insgesamt geschwächt sind. Manche Einzelheiten sind noch unklar, aber beispielsweise ist nachgewiesen, dass in Mittelamerika durch den Klimawandel die Bewölkung zugenommen hat und sich dadurch in den Bergregionen die Temperatur um wenige Grad abkühlte. Sie liegt jetzt in einem Bereich, in dem sich der Pilz richtig wohlfühlt. Dort sind besonders viele Froscharten ausgestorben.

Also wieder einmal ist es der Klimawandel, der ganz ungeahnte Konsequenzen hat. Dabei sind die Amphibien in grauester Vorzeit als erste Wirbeltiere aus dem Wasser gekrochen. Sie bereiteten in der Evolution sozusagen den Weg für den Menschen, raus aus dem Leben mit Kiemen, rein in die Lungenatmung. Die Lurche begannen den Triumph des Lebens an Land. Und jetzt droht ein kleiner Pilz diesen Triumph schmählich zunichte zu machen. 

Da täten wir mal wieder gut daran, genau hinzuhören, weil die Natur Alarm schlägt. Die Umwelt geriet unter Stress und so in Unordnung, dass eine kleine Ursache urplötzlich katastrophale Folgen entwickelt. Das konnte niemand vorhersehen, und jetzt können wir nur hilflos zusehen und ein bisschen forschen. 

Wir können eigentlich nur hoffen, dass die Natur selbst ein Gegenmittel entwickelt. Verlassen können wir uns leider nicht darauf. Vielleicht ist das ein weiterer Anlass, ein bisschen mehr darüber nachzudenken, wie man Umweltrisiken vorbeugen kann. Lurchi, unser Wegbereiter, hätte es verdient.

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