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Judenfeindlichkeit Wenn es Antisemitismus nicht geben darf

Die Erfahrungen von Juden in Deutschland sind eindeutig: Schmähungen oder Angriffe gehören zum Alltag. Wir brauchen einen Antisemitismusbeauftragten. Eine Kolumne.

Demo gegen Antisemitismus in Frankfurt
Ein Bekenntnis zu Israel ist in diesen Tagen stark umstritten. Doch von Antisemitismus will keiner etwas wissen. Foto: Peter Jülich

Die Diskussion darüber, ob Antisemitismus Juden bedroht, taucht immer wieder auf. Vor einigen Jahren saß ich in einer Runde mit anderen Juden zu diesem Thema beim Regierenden Bürgermeister von Berlin. Etwa 20 Personen waren gekommen, Juden aus dem Berliner Leben: Berater, Künstler, Sportler, Studierende, Journalisten, Geschäftsleute.

Einer nach dem anderen erzählte eine Geschichte – über Beschimpfungen, Herabsetzungen, aufgezwungenen Diskussionen über die Schuld, den Holocaust und das böse Israel, vom mangelnden Schutz jüdischer Kinder vor Angriffen. Die Geschichten spielten auf der Straße, an der Uni, in der Schule, im Jugendclub, auf der Betriebsfeier, auf dem Kinderspielplatz, in der Kunstgalerie oder im Fitnessstudio.

Die Aggressionen kamen von Mehrheits- und Minderheitsdeutschen, von Rechten und von Linken. Als alle Anwesenden gesprochen hatten, war es für einen Moment still im Raum. Dann stand der Bürgermeister auf. Nein, sagte er, das könne er nicht glauben. Es gibt keine antisemitische Gefahr und Juden können sich dennoch frei bewegen. Er ließ sich noch mit einem jüdischen Sportler fotografieren, dann ging er. Und ließ uns mit offenen Mündern zurück.

Keine ideologisierte Debatte über Antisemitismus

Das war bevor die Flüchtlinge kamen, deren Anwesenheit den Antisemitismus angeblich erst verschärft hat. Das war, bevor die angebliche Alternative für Deutschland ihren völkischen Geschichtsrevisionismus propagierte, um sich gleichzeitig als Retter der Juden aufzuspielen.

Nein, die Lage ist nicht besser geworden. Ganz im Gegenteil. Gerade deshalb will ich keine ideologisierte Debatte über Antisemitismus! Ich will nicht, dass Rechte oder Linke unsere Situation für ihre Ideologie vereinnahmen. Ich will eine sympathisierende Sicht auf Israel haben können, ohne dafür beschimpft zu werden!

Ich will nicht erst einem Klub der Moslemhasser beitreten müssen, um über Antisemitismus zu klagen. Und ich will auch nicht Israel und den Kapitalismus zum Bösen der Welt erklären müssen, bevor ich das erste Mal Luft hole. Mir muss niemand erklären was Antisemitismus ist oder nicht ist. Ich erkenne ihn, wenn er mir begegnet.

Antisemitismus ist weit verbreitet

Ja, wir brauchen einen Antisemitismusbeauftragten. Was wir nicht brauchen, ist eine weitere Ideologisierung dieses wichtigen Themas. Den Juden die berechtigte Sorge zu nehmen, das müsste das Motiv für eine solche politische Entscheidung sein. Und nicht, diesen Umstand für politische Intensionen zu missbrauchen.

Gibt es Antisemitismus in den muslimischen Communties? Ja, den gibt es. Kann er gewalttätig sein? Ja, das kann er. Ist Antisemitismus nur dort zu finden? Nein, ist er nicht! Hat die deutsche Mehrheitsgesellschaft auch ein Problem damit? Ja, das hat sie.

Wenn ein Antisemitismusbeauftragter hier endlich etwas verbessern könnte, dann immer her damit! Er müsste in der Erfassung des Problems, in Politik, Bildung, Wissenschaft und Kunst die schlimmsten Auswüchse beseitigen, die Antisemitismus immer wieder reproduzieren.

Dieser Beauftragte dürfte kein Alibi sein, er müsste, um handeln zu können, genug politische Macht haben. Und es wäre wichtig, wenn er von der jüdischen Perspektive der wenigen Übriggebliebenen ganz speziell in Deutschland zumindest schon mal gehört hätte.

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