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Journalisten und Populisten Hilflos gegen die Prügelsprache

Journalisten bekommen den Volkszorn zu spüren – und dabei nicht nur berechtigte Kritik. Gibt es dagegen überhaupt ein Mittel? Die Kolumne.

Prägt mit der Pegida-Bewegung den Begriff der "Lügenpresse": Lutz Bachmann. Foto: imago

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Uns Journalisten, liebe Leserin, lieber Leser, geht es nicht gut. Wir haben Zweifel, fürchten uns inzwischen sogar. Nein, wir werden nicht inhaftiert, gefoltert oder gar ermordet wie Kollegen in China, Ägypten, Mexiko und viel zu vielen anderen Ländern. Der Ton aber ist auch in Deutschland verdammt rau geworden. Man beschwert sich viel über uns, verklagt uns gerne mal. Manchmal wird es auch ganz physisch.

Reporter aus Dresden etwa berichten, dass sie bei Pegida-Aufmärschen besser keinen Notizblock mehr zücken. Weil sie damit als Journalisten zu erkennen sind und Prügel riskieren. Auch ich durfte neulich im schönen Westerwald erleben, wie ein Bürger die Polizei rief, weil ihm mein Mikrofon nicht passte. („Beschlagnahmen Sie das!“) Zum Glück hatten die herbeigeeilten Beamten schon mal ins Grundgesetz geguckt und griffen deeskalierend ein.

Genau wie Zahnärzte, Raketenforscher und Sozialarbeiter kommen wir Journalisten gerne zusammen, um voneinander zu lernen und ein paar Boshaftigkeiten auszutauschen. Am Wochenende traf sich das „Netzwerk Recherche“ wie in jedem Sommer in Hamburg, Motto: „Journalismus an der Grenze“. Wir waren wieder ganz kritisch miteinander und fanden uns dabei ziemlich gut.

Was mir auffiel: Diese Verunsicherung. Alle fragten: Was tun? Wie umgehen mit dem anschwellenden Zorn auf dieses und alles und das ganze „System“ – auch auf uns, die Handlanger von der „Lügenpresse“. Ein Zorn, der uns aus vielen Foren und den oft ziemlich asozialen Medien entgegenschlägt. Oft sehr persönlich. Mit einer ruppigen Ignoranz, die gar nichts mehr wissen und verstehen will. Und sich immer schneller erhitzt.

Sollten wir uns in die Bresche werfen für Grundrechte, Minderheiten, menschliche Werte und eine offene Gesellschaft? Oder besser trocken und distanziert bleiben? „Es lohnt sich, sachlich zu sein“, meinte ein Medienkenner. Es wäre auch hilfreich, nicht jedes Mal anzuschlagen, wenn zum Beispiel Frau von Storch Unfug twittert. So multiplizieren wir ihn nur. Ein Journalist, der Erfahrung im Talkshow-Nahkampf mit der AfD hat, konstatierte: „Die Debatte mit einer Frau, die unanständig ist, ist im Fernsehen nicht zu gewinnen. Und Frauke Petry ist unanständig.“

Doch wie weit, fragten sich viele, helfen Fakten und Argumente noch? Lässt sich populistisches Gebrüll überhaupt entzaubern? Heute, da es europaweit wieder als größte Kunst gilt, Vorurteile und Feindseligkeiten zu mobilisieren und auf die eigenen Mühlen zu lenken? In Zeiten von Donald Trump, der nachweislich Unwahrheiten en masse produziert, deren Entblößung aber völlig folgenlos bleibt?

Armin Wolf vom österreichischen Fernsehen war da. Ein Mann, dem es hin und wieder gelingt, einem Schaumschläger den Schneebesen aus der Hand zu nehmen. „Populisten müssen sich nicht an Regeln halten“, resümiert Wolf. „Im Grunde sind wir in einer postfaktischen Demokratie angekommen.“

Fürwahr. Uns irritiert nicht die Kritik an den Medien und ihren Machern, die noch argumentiert. Davon haben wir selbst mehr als genug. Sondern diese Prügelsprache, die nichts mehr klären, sondern nur noch schlagen will. Vor der stehen wir wie Handwerker, denen der Werkzeugkasten geklaut wurde. Hilflos.

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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