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Israel und Gaza Dasein im Freiluftgefängnis namens Gaza

Von einer Rangliste der Entrechteten: Wer den Kampf zwischen Palästinensern und Israelis befrieden will, muss ein menschenwürdiges Leben in Gaza erlauben. Die Kolumne.

Gaza
Weltweit gehen Unterstützergruppen der Palästinenser auf die Straße. Foto: afp

Die Ähnlichkeit war frappierend. Der Interviewpartner, dem ich in Dschabalja, Gazas größtem Flüchtlingslager, gegenübersaß, glich einem bekannten Palästinenser aus Nablus. Wie aus dem Gesicht geschnitten. Die gleichen markanten Züge, die gleiche Augenpartie, auch seine Art zu lächeln schien mir die gleiche zu sein. Die zwei Männer hätten glatt als Brüder durchgehen können, was sie nicht waren.

Aber wie sich herausstellte, stammten beider Familien aus Jaffa, der alten arabischen Hafenstadt, die heute zum Stadtgebiet von Tel Aviv zählt, und waren um ein paar Ecken tatsächlich verwandt. Nur dass eben die Eltern des einen 1948, während des israelischen Unabhängigkeitskriegs, in den Gazastreifen geflohen waren und die des anderen ins nördliche Westjordanland. Eine folgenschwere Entscheidung, heute mehr denn je. 

Terroristen und Desperados durch die Bank

Denn Gaza ist für Israel „Hamas-tan“, seine Bewohner Terroristen und Desperados durch die Bank, deren Versuch eines massenhaften Grenzdurchbruchs sich Scharfschützen wie bei einer kriegerischen Invasion entgegenstellen. Palästinensische Westbanker rangieren auf der israelischen Risikoskala schon eine Stufe drunter, weshalb 150.000 von ihnen in Israel arbeiten dürfen. 

Sie haben zwar auch Wut im Bauch. Über jüdische Siedlungen, die ihnen die Hoffnung auf einen eigenen Staat rauben. Über die Gängelei an Militärcheckpoints, die an ihren Nerven zehren. Über korrupte Autonomiebehörden, die wenig zustande bringen. Doch das Leben in Ramallah, Nablus oder Hebron ist immer noch einige Zacken besser, als ein aussichtsloses Dasein im Freiluftgefängnis namens Gaza unter der Knute der Hamas zu fristen. 

Wenngleich ein Westbanker wiederum schlechter gestellt ist als ein Palästinenser aus Ostjerusalem. Letzterer braucht anders als seine Landsleute aus den Stachim – wie die (besetzten) Gebieten auf Hebräisch genannt werden – auch keine Sondererlaubnis, um sich in Israel frei zu bewegen, und hat Anspruch auf Krankenversicherung und Kindergeld. Allerdings droht ihm bei Verstoß gegen die Regularien der Entzug der israelischen Residenzerlaubnis für die „heilige Stadt“. Notgedrungen macht er seine Kompromisse. 

Überblick über die palästinensische „Klassengesellschaft“

Volle Bürgerrechte genießen nur die arabischen Israelis, also jene Palästinenser, deren Familien vor siebzig Jahren es irgendwie geschafft hatten, trotz der Kriegswirren zu bleiben. Sie fühlen sich zwar sozial diskriminiert und werden etwa am Ben-Gurion-Flughafen verschärften Kontrollen unterzogen, sind aber mehrheitlich loyale Staatsbürger. Auch wenn manche Nationalrechte aus der Regierung Netanjahu die arabische Minderheit am liebsten ausgrenzen würde. 

Soweit der Überblick über die palästinensische „Klassengesellschaft“. Eine Rangliste der Entrechteten, auf der Gaza ganz oben steht. Im Freund/Feind-Schemata der Israelis ergibt sich das umgekehrte Bild. Da sind die Palästinenser mit israelischem Pass als die vergleichsweise „Guten“ Spitzenreiter und ihre Brüder und Schwestern aus Gaza Schlusslicht. 

Woraus folgt: Wer nichts zu verlieren hat außer seinem Leben, wird am ehesten zur Sicherheitsgefahr. Ja, ich höre schon den Aufschrei, Schuld an der Misere trage doch die Hamas. Richtig, nur haben drei Kriege, eine elfjährige Blockade und diverse Sanktionen nicht viel gegen die Islamisten ausrichten können. Eine Kurskorrektur ist überfällig. Wer eine nachhaltige Deeskalation will, muss endlich ein menschenwürdiges Leben in Gaza erlauben.

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