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Israel Es geht auch ohne

Wer auf sein Auto verzichtet, der kann was erleben - beispielsweise eine wunderbare Zugfahrt von Jerusalem nach Tel Aviv. Die Kolumne.

So was hast du nicht mal in Hongkong“, hatte mein früherer Jerusalemer Nachbar Gideon mir gleich nach der Ankunft in Israel vorgeschwärmt. Er ist versessen darauf, neue Errungenschaften seiner Heimatstadt Besuchern vorzuführen, und auf dieses Wunderwerk der Technik hat Jerusalem nun wirklich lange genug gewartet.

Vor wenigen Wochen ging er in Betrieb, der futuristisch anmutende Tiefbahnhof, der – reingehauen in die Felsschichten der heiligen Stadt – etwa achtzig Meter unter der Straßenhöhe liegt. „Von dort“, sagt Gideon, „bist du in einer halben Stunde in Tel Aviv.“ Okay, noch ist es nicht so weit. Vorerst endet die Verbindung am Ben-Gurion-Airport, wo man umsteigen muss, um in eine der israelischen Küstenstädte zu gelangen. Dafür dürfen die Passagiere drei Monate lang kostenfreie Testfahrten unternehmen.

Gideon muss mich nicht lange überreden, ich bin dabei. Seitdem ich zu Jahresbeginn mein Auto abgeschafft habe, springe ich auf jeden Zug. Daheim in Berlin sowieso. Nur Fahrradfahren ist cooler als ein Trip mit U- und S-Bahn oder im Bus. Was mich, nebenbei bemerkt, die deutschen Debatten über Fahrverbote für Diesel-Dreckschleudern recht gelassen verfolgen lässt. Bei allem Mitgefühl für deren Besitzer, die zu Recht einen Brass auf die Autobranche und ihr allzu wohlgesonnene Politiker hegen, ich kann mein privates Einsparprogramm von CO2-Emissionen, vergeudeten Nerven in Staus oder bei der ewigen Parkplatzsuche nur empfehlen. Mag ein eigenes Auto auf dem Land überlebenswichtig sein, in Großstädten erlebt man ohne das Gefährt mehr.

Also nichts wie rein in den unterirdischen Bahnhof von Jerusalem. Die Prozedur, mit den online gebuchten Tickets, diverse Kontrollen und die Sicherheitsschleuse zu passieren, um anschließend über megalange, durch silbern glänzende Riesenröhren führende Rolltreppen runter in den Berg zu gelangen, nimmt zwar etwa genauso viel Zeit in Anspruch wie die 21-minütige Zugfahrt zum Tel Aviver Flughafen. Aber dafür fühlen wir uns schon vor der Abfahrt in der Zukunft angekommen. Los geht’s. Das im Prospekt angepriesene spektakuläre Panorama, das sich den Reisenden bietet, tut sich allerdings nur für Momente auf, wenn der Zug über schwindelerregende Talbrücken düst. Die meiste Zeit rauscht unser Sprinter durch Tunnels, bevor er die Küstenebene erreicht.

So zügig ging es noch nie nach Tel Aviv. Wer vermisst da noch sein Auto? Ich nicht. Zumal man in der verstopften, sich stets nahe am Verkehrsinfarkt befindenden Innenstadt mit dem Sammeltaxi, Scherut genannt, ohnehin bequemer vorankommt.

Und auch bei der Rückfahrt nach Jerusalem entscheiden wir uns für den Minibus, der einfach losfährt, wenn er voll ist. Vorausgesetzt, unter den Fahrgästen befindet sich kein Querulant, der einen bereits besetzten Platz vorne beansprucht, weil ihm hinten übel werde. Oder ein Frommer, der partout nicht neben einer Frau sitzen will, woraufhin unser Fahrer entnervt mit seinem Gebetsteppich entschwindet.

Die Szene könnte glatt in abgewandelter Form als Vorlage der ironischen Berliner Werbekampagne „Weil wir dich lieben. BVG“ dienen. Egal wo, ins pralle Leben einzutauchen, macht ja das gewisse Extra aus, das wir Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel als Gratiszuschlag bekommen. Ob wir nun notgedrungen oder aus Vergnügen, der Umwelt oder dem Geldbeutel zuliebe uns darin befördern lassen. Ich befürchte, Dieselfahrer wird das nicht trösten. Aber ein Versuch ist es wert.

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