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Influencer Manipulierte Netzwelt ist gefährlich für die Demokratie

Es wird Zeit, dass sich die Gesellschaft - nicht der Staat! - die Kontrolle über die Öffentlichkeit im Netz zurückholt. Die Kolumne.

Influencer
Influencer sind auf sozialen Plattformen besonders aktiv und stark vernetzt. Foto: imago

Heute schon mit den Bots zu tun gehabt? Man weiß es nie so genau, wenn man ins Netz schaut. Forscher sagen, bis zu 25 Prozent der Meinungsäußerungen auf Twitter kämen von automatisierten Accounts. Auf Themen programmierte Bots beteiligen sich an Diskursen, verteilen Likes und erzeugen „Popularität“. Es ist das Geschäftsmodell der sozialen Medien, Werbegeld zu verdienen durch das Hochjazzen von Aufgeregtheit, egal wie echt sie ist.

Aber es gibt noch eine Steigerung gegenüber der automatisierten Manipulation: Schon mal von den „Influencern“ gehört? Das sind die, von denen der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel gerade gesagt hat, hundert solcher tag- und nachtaktiver Internet-Agenten könnten mehr bewirken als doppelt so viele Angestellte im Berliner Willy-Brandt-Haus.

Influencer? Bei Wikipedia ist zu lesen: „Als Influencer (to influence: beeinflussen) werden Personen bezeichnet, die aufgrund ihrer starken Präsenz und ihres hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken für Werbung und Vermarktung in Frage kommen.“ Wer also im Internet mit viel Resonanz unterwegs ist, lässt sich anheuern und/oder benutzen für zielgenaue Beeinflussung und Vermarktung aller Art, sei es klassische Schleichwerbung, seien es Diskussionsbeiträge zu Produkten bis hin zu bezahlter Meinungsmache.

Je mehr Follower, desto höherer Marktwert

Je mehr Follower jemand sonst so hat, desto höher der Marktwert. Nochmal Wikipedia: Mehreren Studien zufolge könne man durch das gezielte Ansprechen und Instrumentalisieren von im Netz einflussreichen Einzelpersonen ein breiteres Publikum erreichen als mit herkömmlichen weit und beliebig gestreuten Werbemaßnahmen.

Der Kreis möglicher Influencer ist groß. Sie haben gemein, dass sie sich mit den Marken oder Inhalten identifizieren, denen sie auf Social Media folgen, und dass sie auf sozialen Plattformen besonders aktiv und stark vernetzt sind. Wer sich aus diesem Potenzial Leute sucht, die sich gezielt einsetzen lassen, bezahlt oder unbewusst, schafft sich ein Netz von – sagen wirs ruhig: Agenten.

Es gab immer schon Promis in der Werbung – mit Wirkung, sonst wäre das Geld dafür nicht ausgegeben worden. Es sind bekannte Künstler in Wahlkämpfen aufgetreten, nicht immer nur ehrenamtlich und als engagierte Staatsbürger. Es war stets der Anspruch eines engagierten Journalismus, selbst etwas zu bewegen.

Seine Rolle als Türwächter zwischen Ereignis und Öffentlichkeit, die in der digitalen Welt an Bedeutung verliert, brauchte das Vertrauen des Publikums, aber sie lebte auch von Entschiedenheit und Einfluss. Von Verlegern mal abgesehen, die über ihre Medien Einfluss wollen. Aber sie waren sichtbar und es gab die Chance zum Gegenhalten.

Die manipulierte Netzwelt ist längst brandgefährlich für die Demokratie. Darauf gibt es nur eine Antwort, damit Vertrauen beim Kommunizieren denkbar bleibt: die Verpflichtung zu Offenheit und Transparenz – bis hin zum Verbot der Geschäftsmodelle und der Praktiken, die verdeckte Agitation zum System machen.

Es wird Zeit, dass die Politik dazu Regeln vorschlägt. Vielleicht schreien dann wieder alle auf, die immer noch an das Gute im Anonymen des Netzes glauben. Zur Ethik der alten Medienwelt gehörte, dass Leserbriefe ohne Absender nicht gedruckt und Produktagenten als solche kenntlich gemacht werden. Es wird Zeit, dass die Gesellschaft (nicht der Staat!) sich die Kontrolle über die neue Öffentlichkeit zurückholt.

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