Lade Inhalte...

Impfungen Rechtsstaatlich zweifelhaftes Druckmittel

Das Impfen ist eine umstrittene Sache. Da tut Beratung, wie sie jetzt vorgeschrieben werden soll, gut. Aber wie viel Zwang muss sein? Die Kolumne.

Impfungen
Viele Eltern halten Impfungen für gefährlich. Foto: imago stock&people (imago stock&people)

Die letzte Aprilwoche war, falls Sie das nicht im Kalender hatten, die europäische Impfwoche – eine von der Weltgesundheitsorganisation koordinierte Initiative, die zu größerer Akzeptanz und Verbreitung der Impfungen beitragen soll.

Dagegen ist absolut nichts zu sagen. Leider gehören zur PR-Ausbeute einmal mehr Veröffentlichungen auf dem Eskalationsniveau einer mobbinggeplagten Grundschulklasse. Aktueller Anlass: ein Gesetzentwurf des Gesundheitsministers, der Eltern nicht geimpfter Kinder zu einer ärztlichen Beratung zwingt.

Aufklärungsgespräche sind immer eine gute Sache. Gerade jene Eltern, die sich Gedanken machen, sind dankbar, wenn man Risiken und Nutzen sachlich abwägen kann. Denn viel zu oft kommt es vor, dass Mütter und Väter nicht einmal wissen, welche Spritze ihrem Kind verabreicht wird. Das Aufhängen eines Plakats des Pharmaherstellers geht nicht als Beratung durch. Skeptische Eltern fühlen sich bestätigt, wenn ihre Bedenken beiseitegewischt werden.

Doch anstatt den Sorgen fachlich kompetent zu begegnen, werden alle, die sich den geringsten Zweifel erlaubten, lieber öffentlich geohrfeigt: „Künftig Bußgeld für sture Eltern“, titelte die „Ärzte-Zeitung“ über den aktuellen Gesetzentwurf, als seien berechtigte Fragen vor einem ärztlichen Eingriff ein Verhaltensproblem.

Ein totalitärer Ansatz

Diese Arroganz darf man auch dann unmöglich finden, wenn man selbst den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission folgt. Ein fundiertes, angemessen honoriertes Beratungsgespräch sollte schon vor der ersten Impfung eine Selbstverständlichkeit sein. Und hier zeigt sich, dass der neue Entwurf vor allem ein rechtsstaatlich zweifelhaftes Druckmittel erzeugen soll, anstatt auf Aufklärung und Überzeugung zu setzen.

Ausgerechnet Kindergärten müssten, sollte das Gesetz verabschiedet werden, Eltern ohne Beratungsnachweis an die Gesundheitsämter melden. Jene Einrichtungen also, die eigentlich eine Dienstleistung in Form der Kinderbetreuung anbieten, sind nun als Organe staatlicher Kontrolle eingeplant. Dieser totalitaristische Ansatz müsste jedem ungemütlich erscheinen, der Bürgerrechte wichtig findet.

Man hätte mehr Verständnis dafür, wenn die Entscheidung einzelner Eltern, ihre Kinder später oder gar nicht impfen zu lassen, sich in der Tat gravierend auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken würde. Dies entspricht aber nicht den Tatsachen: Wirkliche Impfgegner sind schon ihrer geringen Zahl wegen nicht mal annähernd die Gefahr, zu der sie gern erklärt werden. Im Sinne der allgemeinen Gesundheit wäre es schlüssiger, dort Beratung aufzuzwingen, wo Kinder hauptsächlich mit Zucker ernährt werden und Zigarettenrauch atmen müssen.

Die Banalisierung des Impfthemas verdrängt dagegen spannende Fragen gezielt aus der Öffentlichkeit. So wurden beim jüngsten Masernausbruch in Berlin schon mal ganze Klassen nach Hause geschickt, weil alle Schüler zwar den Impfschutz nachweisen konnten, nicht aber die Lehrer. Und die Keuchhustenwelle im vergangenen Winter verbreitete sich hauptsächlich unter geimpften Kindern.

Das ist kein Grund, auf Impfungen zu verzichten – aber ein guter Anlass für die Mediziner, sich argumentativ zu rüsten, wenn man die Eltern im Beratungsgespräch überzeugen will.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen