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Impfungen Impfpflicht: Kampfgebiet der Selbstbehauptung

Was gestern noch als Allgemeingut galt, wie das Impfen, wird heute angezweifelt. Die Lust an der Systemstörung wächst. Die Kolumne.

Impfung
Impfungen können Leben retten (Symbolbild). Foto: dpa

Es tue gar nicht weh, hatte Mutter gesagt, und Vater ließ keinen Zweifel daran, dass es zum Erwachsenwerden unbedingt dazugehört. Zwei kleine Narben, die bleiben und eine Art Initiationsritus zur Aufnahme in die Gemeinschaft signalisieren. Die Eltern hatten sie auch, wie zum Beweis schob Mutter ihre Sommerbluse am Oberarm hoch. Nein, es tat nicht weh. Die nächsten Tage bloß nicht kratzen, wenn es juckt, hatten mir die Eltern noch eingeimpft.

„Eingeimpft“ heißt ein aktueller Film von David Sieveking

Da ist es, dieses Wort, das seit jeher als Synonym für eine Art unterschwelligen Zwang verwendet wird. Etwas wird aufgezwungen, aber nicht mit brachialer Gewalt. Die Impfung war vielmehr der Ausdruck einer Norm, die nicht weiter hinterfragt wurde. Schon gar nicht von uns Kindern. Anschließend zeigten wir stolz unsere Wunden. Bei einigen hatten sich dicke Pusteln gebildet, bei mir waren es bloß kleine Einritzungen auf der Hautoberfläche, die ich bald vergessen hatte.

„Eingeimpft“ heißt ein aktueller Film von David Sieveking, der die Impfentscheidung als familiäres und gesellschaftliches Konfliktfeld ausleuchtet und die unterschiedlichen Auffassungen eines Paares verhandelt. Für ihn ist die bevorstehende Impfung des Kindes eine Selbstverständlichkeit, sie hat da aber so ein Bauchgefühl. Was einmal als gesundheitspolitischer Standard galt, wird nun zu einer individuellen Freiheitsentscheidung aufgeladen. Misstraue den Normen.

Schon möglich, dass es dem Filmemacher David Sieveking um die Darlegung der Zweifel ging, die man gegenüber der über Jahrzehnte klaglos hingenommenen Impfpflicht aufbieten kann. Was kann daran falsch sein, gesellschaftliche Annahmen, selbst wenn sie wissenschaftlich begründet werden, von Zeit zu Zeit zu überprüfen?

Der Film steht inzwischen aber wohl auch für ein gesellschaftliches Unbehagen, das gegen vieles mobilisiert wird, was eben noch als gesunder Menschenverstand galt. Man muss nicht gleich zum „Reichsbürger“ werden, um seine rigorose Ablehnung gegenüber einem System zum Ausdruck zu bringen, dem man sich nicht länger verpflichtet fühlt.

Rundfunkbeitrag, Klimapolitik, Impfpflicht

Auffällig ist die Beharrlichkeit aber schon, mit der gesellschaftliche Annahmen und Übereinkünfte bestritten werden. Rundfunkbeitrag, Klimapolitik, Impfpflicht – was eben noch als gemeinschaftliches Ziel galt – wie lästig dessen Umsetzung auch immer sein mochte -, wird plötzlich zum Kampfgebiet der Selbstbehauptung.

Wie bei einem Nachbarschaftsstreit scheint es irgendwann nicht mehr zu gelingen, von einem Thema abzulassen. Es kommt nun darauf an, nicht nur im Recht zu sein, man will es auch unbedingt durchgesetzt bekommen. Was eben noch als nebensächlicher Bestandteil gesellschaftlicher Normalität galt, droht nun als unlösbarer Konflikt isoliert zu werden. Und der unschöne Verdacht, dass man einen großen Bären, von wem auch immer, aufgebunden bekommt, tendiert ins Monströse.

Der inflationäre Gebrauch von Begriffen wie System- und Staatsversagen deutet darauf hin, dass es um sehr viel mehr als die Artikulation eines gesellschaftlichen Unbehagens geht. Die neue Lust an der Systemstörung scheint von vielen auch als Chance begriffen zu werden, angesichts eines sich immer stärker abzeichnenden normativen Wandels noch einmal ganz neu ins Spiel zu kommen. Man will sich nichts einimpfen lassen. Und sei es zum Preis einer zunehmenden sozialen Vergiftung.

Harry Nutt ist Autor.

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