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Im reißenden Mainstream der Medien

Griechen-Bashing und kein Ende. Das mediale Versagen schreit nach Konsequenzen. Beginnen wir mit A wie ARD.

Viele fallen gerade aus der Rolle, viele zeigen ihr wahres Gesicht“, notierte neulich „Spiegel“-Kolumnist Georg Diez nach einer weiteren Katastrophen-Woche im „Dschungelcamp der deutschen Medien“. Ich war froh, fühlte mich weniger alleine in meiner Fassungslosigkeit über die Strudel und Schaumkronen im reißenden Mainstream deutscher Medien. Über die Pöbelei und Beckmesserei, die wir seit einem halben Jahr in Sachen Griechenland erleben. Angeführt vom Boulevard. In einem Gleichschritt, der zunehmend zum Stechschritt wird. Das große Blasorchester der Meldungsschreiber, Leitartikler, Talkmaster, Korrespondenten, Wirtschaftsexperten lärmt wie lange nicht mehr.

Nicht alle machen mit. Aber viel zu viele. Meinungsdeutschland scheint sich so total einig wie zuletzt bei Ypsilanti. Sie erinnern sich? Diese brandgefährliche linke Hexe, die 2008 in Hessen einen SPD-Überraschungserfolg gegen Roland Koch einfuhr, mit ihrem Genossen Hermann Scheer. Woraufhin Deutschlands Vordenker plus die eigenen Obersozis sich an beiden die Stiefel abputzten und so taten, als käme der Russe nun doch noch. Wir Journalisten fahren dauernd auf Tagungen, um über Fehlentwicklungen unserer Zunft zu reden. Leider völlig folgenlos. Sehr selten nur gibt es Sekunden der Besinnung. Etwa nach dem letzten Finanzcrash, als selbst hartleibige Wirtschaftsjournalisten, die ein Bild von Margaret Thatcher über ihrem Hausaltar hängen haben, vom Zweifel angefasst wurden. Kurz, sehr kurz. Bald hatten sich alle wieder eingereiht. Es muss wohl eine Lust sein, laut mitzuträllern im ganz großen Chor.

Kurz bevor der letzte Leser/Hörer/Zuschauer seinen Glauben an Pluralität und Tiefgang der Medien verloren hat, wird es Zeit, konkrete Vorschläge zu machen. Fangen wir bei A wie ARD an. Erstens: Teil der griechischen Tragödie Griechenlands ist, dass dieses arme Land in den Zuständigkeitsbereich des Bayerischen Rundfunks fällt. Wir alle sind nur noch einen Sigmund-Gottlieb-„Brennpunkt“ von der finalen Gebührenverweigerung entfernt. Hier muss etwas geschehen.

Zweitens, liebe ARD-Direktoren: Bei großen Medien ist es eherne Regel, Korrespondenten regelmäßig auszutauschen. Bevor sie betriebsblind werden oder sich als heimliche Regenten aufführen. Drittens, ein Dauerproblem: das Börsenstudio. Das fällt seit langem durch rituellen Irrsinn auf. Von Frankfurt aus jodelt man auf allen Radio- und TV-Kanälen der ARD tagtäglich den Dax rauf und runter, zittert mit im Zickzack der Kurven und Kurse, vermeldet schnell noch Dollar, Gold und die Umlaufrendite und liefert Sätze wie: „Die Zitterpartie um Hellas geht weiter.“ So kurzatmig, so hautnah dran an Händlern, Bankern und diesen meist erschreckend schlichten „Analysten“, dass oft jede kritische Distanz flöten geht. Ein Chef dieses Studios wurde 2011 folgerichtig Kommunikationschef der Bundesbank.

Zudem ist das Börsenstudio ein Potemkinscher Witz: Die Börse selbst wanderte schon 2008 ins nahe Eschborn ab – um Gewerbesteuer zu sparen. Der Frankfurter Saal ist pure Kulisse, nur dazu da, den Börsenmeldern Bilder und Töne zu liefern. Eine Dauerwerbesendung für die Logik der Märkte.

Mein Krisen-Reformvorschlag: schließen. Stattdessen könnte die ARD eine Redaktion schaffen, die Distanz hält zu Dax & Co. Die aufklärt und Zusammenhänge herstellt. Es wäre ein Anfang.

Tom Schimmeck ist Autor.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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