Lade Inhalte...

Identität und Heimat Herkunft ändert nichts

Rechtspopulisten versuchen, die Vielfalt zu zerstören und Menschen wieder nach Geschlecht und Hautfarbe in die Schachteln von früher zu pressen. Die Kolumne.

Ramadan
Muslime beim abendlichen Fastenbrechen während des Ramadan. Foto: afp

Dass Heimat und Identität heute, im modernen Deutschland, auf den ausgrenzenden Charakter dieser Wörter in früheren Zeiten verzichten können, sollte selbstverständlich sein. In Debatten, Schulprojekten, in Kirchenkreisen, in Gewerkschaften oder in politischen Parteien setzen sich Menschen mit und ohne Migrationshintergrund damit auseinander. So entwickelte sich die Bedeutung der Worte Heimat und Identität weiter und füllte sich mit neuen Ideen. 

Ob jemand in Bayern oder an der Ostsee aufgewachsen ist, ob dort in der Kindheit ein Weihnachtsbaum stand oder das Zuckerfest gefeiert wurde, hat den Blick auf die Berge oder das Meer nicht beeinflusst. Kleinstadt, Großstadt, Dorf – sie prägen ebenso, wie wir sind, wie der Wunsch wegzugehen oder wiederzukommen.

Es macht einen Unterschied, ob jemand der Mehrheitsgesellschaft angehört oder damit zu kämpfen hat, als gleichwertig anerkannt zu werden. Auch das schafft über Konflikte Zugehörigkeit in der Einwanderungsgesellschaft. 

Die Erfahrungen, die wir machen, wie wir erzogen wurden, was uns interessiert, wen wir lieben, welches die Familiengeheimnisse sind, die guten Lehrer oder die schlechten, Konflikte mit Freunden, Konflikte mit den Eltern – das alles bedeutet Heimat und Identität. Die Herkunft ändert absolut nichts an der Tatsache, dass Menschen, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, aus ihrem Leben hier dennoch Identität und Heimat beziehen. Es wäre mehr als widersinnig, ihnen das streitig machen zu wollen. 

Heimat und „deutsches Blut“

Heute treffen sich zwei gegenläufige Erzählungen. Der eine Erzählstrang beginnt nach dem Krieg. Heimat war noch ein durch den Nationalsozialismus geprägter Begriff, durch den Juden und andere, die nicht als „Volksdeutsche“ betrachtet wurden, ausgestoßen, ja vernichtet wurden. 

Jahrzehnte voller Arbeit und Rückschläge dauerte es, diese ausgrenzende Prägung milder zu machen. Ganz verschwunden ist sie allerdings nie. Deutsch zu sein und an die Heimat zu denken, war mit dem „deutschen Blut“ verbunden. Bis heute werden nicht-weiße Deutsche penetrant nach ihrer „eigentlichen“ Heimat gefragt.

Der andere Erzählstrang beschreibt Identität und Heimat nach den Erfahrungen in der globalisierten Welt. Dort, wo man Freunde hat, wo man sich durchgebissen hat, wo die Liebe wohnt, dort ist man zu Hause. 

Fragt man junge Leute nach ihrer Identität, dann nennen sie vieles: Sie sind hetero oder nicht, Juristen oder Nerds, Veganer, Ökos, Künstler, sie trinken oder kiffen oder lehnen beides ab. Sie sind weiß oder schwarz oder irgendetwas anderes, sie reisen, sind Feministinnen, freuen sich an Helene Fischer oder sind Heavy-Metal-Fans. Oder sie sind alles abwechselnd, gleichzeitig und parallel. Trotzdem lieben sie ihre Eltern, und die Gegend, in der sie aufgewachsen sind, ist ihnen vertraut.

Diese beiden Stränge treffen sich heute. Rechtspopulisten versuchen, die Vielfalt auseinanderzureißen und Menschen wieder nach Geschlecht und Hautfarbe in die Schachteln von früher zu pressen. Doch wer sind sie, uns sagen zu wollen, wie wir zu unserer Identität und unserer Heimat stehen? 

Husch, husch, ins Körbchen – das ist nicht mehr zu machen! Damit es so bleibt, müssen wir auf unsere eigene Vielfalt aufpassen. Denn selbstverständlich ist gar nichts mehr. 

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen