Lade Inhalte...

IAA Autos gucken, Möpse gucken, Komasaufen

Warum wollen einige Autohersteller nicht mehr zur IAA kommen? Wahrscheinlich, weil das alberne Gehabe um schnöde Blechkisten langsam aber sicher hinterfragt wird. Die Kolumne.

IAA
Frauen und schnelle Autos - und dazu ein frisches Pilsbier - der Traum vieler Männer. Foto: Imago

Eigentlich ist diese Gepflogenheit noch nicht sehr alt – jedenfalls nicht in solch exzessiven Ausmaßen. Aber vieles ist ja aufgeblähter geworden, schriller und penetranter, vom Schweineschnitzel über den Fernseher bis zum Kreuzfahrtschiff. Das ist auch bei Veranstaltungen nicht anders.

Jeder Schiss ist heute ein „Event“ – und sei er noch so dünn. Bestes Beispiel dafür sind die sogenannten Junggesellenabschiede. Lallende Besoffene sind widerlich, erst recht wenn sie in Horden torkeln und bescheuert gekleidet sind. Da diese Sitte überhand nahm, haben einige Wirte ja bereits Schilder an ihren Lokalen angebracht, die solchen Mitbürgern den Eintritt verwehren.

Vom Fernseher bis zum Kreuzfahrtschiff

In Frankfurt kann man ein weiteres Phänomen erleben. Dort fallen alle zwei Jahre Sauftrupps einer anderen Sorte ein: Besucher der Automobilmesse IAA. Auf ihren T-Shirts steht dann nicht „Schade dass man Bier nicht ficken kann“ (Kommas auch nicht, weswegen man geflissentlich darauf verzichtet), sondern „Opel-Club Rapsenhausen 1973“ oder so ähnlich. Oder aber „Auto Müller Groß-Kunkelsheim“.

Die einen sind Ausflügler, die anderen „Fachbesucher“ – ihr Trieb ist der gleiche: Autos gucken, Möpse gucken, komasaufen. So wälzen sie sich bockwurstessend durch die Messehallen, begaffen sabbernd und senfverschmiert sich auf blankgewichsten Motorhauben räkelnde halbnackte Frauen, begutachten hier eine Einspritzpumpe und dort einen Heckspoiler und machen abends das, was sie sich seit Monaten auf dem Pirelli-Kalender vorgemerkt haben: „Frankfurt unsicher“. Dass das schon ganz andere nicht geschafft haben, merken sie natürlich nicht.

Billigpuffs und Meter-Bier-Lokale

Die örtliche Geschäftswelt sieht diese Gruppen gespalten. Während bei Billigpuffs und Meter-Bier-Lokalen die IAA als Umsatzgarant gilt, verzeichnen gehobenere Restaurants und feinere Begleitdamen kaum Zuwächse. Auch Taxler freuen sich eher über Besucher der Buchmesse, weil die von Empfang zu Empfang fahren, während sich die Autoleute in irgendeinem Pub den ganzen Abend festsaufen (am Ende freilich sind beide Gruppen gleichermaßen dicht, die einen vom kleinen Feigling, die anderen vom großen Gewächs).

Hoteliers sehen das ähnlich. Sie können während der Automesse ihre Preise längst nicht so hochschrauben wie sonst. Und die Automobilhersteller? Jetzt kommt der große Knaller: Sie wenden sich mehr und mehr ab! Renommierte Unternehmen wie Fiat-Chrysler, Nissan, Tesla, Mitsubishi, Volvo und PSA kommen nicht mehr auf die einst so noble Selbstbeweihräucherungsmesse der Branche.

Die Gründe erklärte Tesla mit holprigen, aber klaren Worten: „Wir prüfen jede Veranstaltung darauf, ob sie die bestmögliche Möglichkeit bietet, mit den Kunden in Kontakt zu treten.“ Ich hätte es so ausgedrückt: Wir wollen nicht mehr irgendwelchen Ewiggestrigen eine Illusion verkaufen, die schon lange nur noch in ihren Köpfen existiert.

Der Tiger ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr im Tank. Endlich wird das auch bemerkt und das alberne Gehabe um schnöde Blechkisten langsam aber sicher hinterfragt – möge es sich seinem verdienten Ende zuneigen. Alternativen gibt es schon lange, bislang jedoch nur in der Theorie. Nun ist es an der Zeit, sie in die Realität umzusetzen. Es gibt viel zu tun. Packen wir’s an.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum