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Höhlen-Drama Immer schließt sich der Kreis

Zwölf Jugendliche und ein Betreuer waren in einer Höhle eingeschlossen, das ist schrecklich. Doch wo bleibt sonst unsere Betroffenheit? Die Kolumne.

Höhlendrama in Thailand
Die Teilnahme an der Rettung der Jungen und ihres Trainers ist weltweit groß. Foto: dpa

Eigentlich, das wird ja niemand infrage stellen, ist das fürchterlich. Zwölf Jugendliche und ein Betreuer, eingeschlossen in einer Höhle, umgeben von Wassermassen. Zuerst war dies nur eine kleine Notiz. Tags drauf geriet sie schon etwas größer, und je komplizierter eine Rettung erschien, so ausführlicher berichteten die Medien.

Erste Fotos und Filmchen tauchten auf, nun hatten auch die Bum-Bum-Blätter und Bezahlsender genügend Futter, um seiten- und stundenlang zu berichten. Die Sache war spektakulär, und das verspricht nun mal in der heutigen Zeit viele Leserinnen und Leser sowie Zuschauerinnen und Zuschauer.

Mechanismus wie das Gaffen auf der Autobahn

Es ist derselbe Mechanismus wie das Gaffen auf der Autobahn. Hinzu kam: Es geschah in Thailand. Das kennen wir, da waren wir schon im Urlaub, der Vorfall geht uns also nah. Wir wurden immer betroffener, somit geriet die ganz normale Wahnsinnsmaschinerie auf Touren.

Gianni Infantino, der Präsident des Weltfußballverbandes, bewies mal wieder Schlitzohrigkeit und lud die Kinder zum Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft am 15. Juli in Moskau ein. Schließlich sind die Eingeschlossenen ein Fußballteam. Das ließ den Präsidenten aufhorchen. Fußball, da geht doch was!

Aus seiner Idee wurden der armselige Versuch, seinen ramponierten Ruf zu retten und ein weiteres Zeugnis der Weltfremdheit von Sportfunktionären. Oder was bringt es einem, der nicht weiß, ob er morgen jämmerlich ersaufen oder erbärmlich ersticken wird, zu einem Fest am übernächsten Sonntag eingeladen zu werden? Dessen größtes Geschenk wäre doch in diesem Moment ein Weiterleben.

Ein Herr Infantino meint nun in seinem gottgleichen Selbstverständnis, dies noch toppen zu können. Fehlt nur noch, dass – um die Ekelhaftigkeit dieses Falls auf die Spitze zu treiben – McDonalds noch einen Frittengutschein draufpackt und Coca Cola einen Liter Fanta. Oder haben die das schon gemacht, und man hat es nicht mitgekriegt? Unwahrscheinlich, denn die PR-Abteilungen dieser Konzerne würden gewiss für eine weltumspannende Verbreitung der guten Taten sorgen.

Alle paar Minuten verhungert ein Kind

Aber was war passiert, mal ganz nüchtern betrachtet? Zwölf Jugendliche in Lebensgefahr. Ja und? Alle paar Minuten muss irgendwo auf der Welt ein Kind verhungern. Wo bleibt da unsere Betroffenheit?

Tausende sterben direkt oder indirekt, weil sie für uns billige T-Shirts herstellen müssen. Kümmert uns das? Andere verrecken, weil Felder und Wasser ihrer Eltern für den Anbau von Soja konfisziert werden, mit dem Rinder gemästet werden, damit wir möglichst viele möglichst billige Steaks fressen können. Guten Appetit allerseits!

Im Fernsehen war zu beobachten, wie sie den Kindern Plastikflaschen mit Wasser in die Höhle brachten. Sauberes Wasser, wahrscheinlich von Nestlé, denn die haben das Monopol darauf – zumindest in Ländern, wo Trinkwasser rar ist und somit satte Profite garantiert. Trinkwasser, das  Millionen anderer Kinder verwehrt bleibt, weil ihre Eltern kein Geld dafür haben und stattdessen ihren teuer erworbenen Nestlé-Babybrei mit Brackbrühe anrühren müssen.

Es ist eine Schande, dass sich der immergleiche Kreis auf die immergleiche Weise immer wieder schließt – ohne dass sich etwas ändert. Und es ist beschämend, dass die armen Jungs da in der Höhle Anlass bieten mussten, sich solche Gedanken zu machen.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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