Lade Inhalte...

Höcke und Gauland 1000 Jahre Deutschland und das AfD-„Stöckchen“

Wenn die AfD mit einem 1000-Jahre-Deutschland-Mythos hausieren geht, um die deutsche Brust zum schwellen zu bringen, kann man dem nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Die Kolumne.

Björn Höcke
Björn Höcke spricht im Jahr 2015 in Erfurt von „1000 Jahren Deutschland“ - ohne dabei rot zu werden. Foto: Imago

Wer es wissen wollte, weiß es eigentlich seit spätestens 2015. Seinerzeit saß der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke im Talk bei Günther Jauch und platzierte ein Läppchen in den Farben der Nation über seine braune Sessel-Lehne. „1000 Jahre Deutschland“, schmetterte er seinen Anhängern im Einspielfilmchen entgegen; Jauch war überfordert, Heiko Maas fassungslos.
„1000 Jahre Deutschland“ – das muss man sich erst einmal zu formulieren trauen, ohne dabei rot zu werden. Irgendeiner dürfte dem Mann ja gesteckt haben, dass der deutsche Nationalstaat seit 1871 existiert. 

Aber auf zwei angezettelte Vernichtungskriege sind halt nicht einmal (alle) AfD-Anhänger stolz, weshalb Höcke („Wir brauchen eine erinnerungspolitische Wende“, 2017) die Erinnerungen inklusive diesem blöden Massenmord an den Juden in einen 1000-Jahre-Deutschland-Mythos überführte. Räumt da endlich mal einer auf mit dem „Opferkult“ und verschiebt den Fokus auf eine rechtsextreme Legendenbildung? Der Höcke kann das, der ist Geschichtslehrer. 

Wohl nicht richtig zugehört hat die sich völlig in die rechte Parallelwelt gerittene Eva Hermann. „Deutschland, wie wertvoll klang doch einst der Name, viele hunderte Jahre lang war es so“, schreibt die ehemalige Tagesschau-Sprecherin im „Jürgen Fritz Blog“. „Doch nicht viel übrig“ sei geblieben vom „einstigen Glanz“: Was hat Frau Hermann bei Höcke nicht verstanden? Und wo klang der Name viele „hunderte Jahre“? Auf Facebook? Wenn schon, dann tausend. Denn hier kann sich, wer es braucht, mit „1000 Jahre Deutschland“ auf den Sachsenherrscher Heinrich I. (876-936) berufen, der als Vorkämpfer einer „Ostkolonisation“ gilt und vom SS-Chef Heinrich Himmler verehrt wurde. Die Nazis schlachteten ihn für sich aus, und wer sich in dieser Gesellschaft nicht wiederfinden will, bleibt bei 1871. 

Die „Zwölf-Jahre-Nazi-Zeit-sind-ein-Vogelschiss“-Patsche 

Alexander Gauland hat wohl nicht von Eva Herman abgeschrieben. Er ist ganz auf Höcke-Kurs und seine Gesellschaft ist ihm offensichtlich egal: „1000 Jahre ruhmreiche deutsche Geschichte“, prahlte er vor der Jungen Alternative, die ihn mit „Deutschland, Deutschland über alles“ bestätigte. Dass Erika Steinbach auf Twitter den 30-jährigen Krieg ins Spiel brachte, um dem Kameraden aus der „Zwölf-Jahre-Nazi-Zeit-sind-ein-Vogelschiss“-Patsche zu helfen, ging weitestgehend unter. Wobei der 30-jährige Krieg die „deutschen“ 1000 Jahre jetzt auch nicht glorreicher macht.

Zu viel Aufmerksamkeit für die AfD, wie es stets heißt, kalkulierte Provokation, und bloß nicht die Besorgten düpieren: Sicherlich ist diese Causa für einige wieder eines jener „Stöckchen“, über die man nicht springen sollte. Natürlich gehört nicht jeder Rülpser eines Hobby-Adolf mit AfD-Parteibuch medial aufgekocht. 

Die Höcke-Gaulandschen „Stöckchen“ trivialisieren jedoch die Verbrechen von Nazi-Deutschland, auf deren Erinnern sich die Bundesrepublik in ihren demokratischen Grundpfeilern stützt. Die Erinnerung an die Gräuel soll weggedrückt, der Fokus auf ein völkisches Empfinden gelenkt werden, das im Gegensatz zur historischen und demokratischen Wirklichkeit steht. 

Die Sehnsucht nach dem Völkischen hat die AfD nicht erfunden, vielmehr weckt sie sie neu, um sie zumindest verbal zu befriedigen. Die Ziele der AfD können nicht häufig genug eingeordnet werden, und über das „Stöckchen“ springt der AfD-Wähler, der das perfide Spiel der Provokation als neue Legitimation zum Nationalstolz begreift. Entsprechend besorgt sind die Anderen. 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier AfD

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen