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Hitze Mach langsam

Nehmen wir uns den Sommerhit des vergangenen Jahres zu Herzen und bleiben gerade bei dieser Hitze, was wir sind: einfach Mensch.

Hitze
Bei den Temperaturen gibt's nur eines: langsam machen. Foto: dpa

Der Sommerhit „Despacito“ – zu Deutsch: mach langsam – stammt aus dem Vorjahr, aber er trifft das derzeit vorherrschende, mediterrane Lebensgefühl hierzulande. Die Hitze verführt zur Trägheit. Man sehnt sich nach einem Mittagschläfchen im Schatten und gelassener Gangart. Mach langsam eben. Es erhöht den Genuss bei jeglicher Aktivität, auch wenn besagtes Stück „Despacito“ auf eine sehr spezielle, in der gesamten Menschheit verbreitete Tätigkeit wie das Liebemachen gemünzt ist. Doch wie gesagt, das Bedürfnis nach Entschleunigung in allen Lebensbereichen wächst mit steigenden Temperaturen. Und die sind jetzt in Berlin so hoch wie in Jerusalem.

Das wäre nun eine Gelegenheit, auf den Nahostkonflikt zu sprechen zu kommen, schon um diese Kolumne vor dem Abdriften in unpolitische Sommerzeitbeobachtungen zu retten. Nur fällt mir zu der verfahrenen, deprimierenden Lage etwa in Gaza nicht mehr viel ein. Selbst Israelis scheinen über Mesut Özils Austritt aus der deutschen Fußballnationalelf mehr entsetzt als über das von Netanjahus Leuten durchgepreschte Nationalitätsgesetz, das den Gleichheitsgrundsatz und die Rechte der arabischen Minderheit ignoriert.

Es ist schon ein Phänomen: Rassistische Untertöne sind offenbar aus der Ferne schärfer wahrnehmbar als aus der Nähe, erst recht die aus Deutschland. Sei’s drum, vielleicht verhelfen die beißenden Kommentare aus aller Welt ja der deutschen Debatte dazu, sich selbstkritischer mit Rassismus auseinanderzusetzen, ohne in Fachsimpelei über Özils fußballerische Qualitäten zu verfallen.

Gedankenverloren starre ich aus meinem Berliner Küchenfenster, eine der wenigen Beschäftigungen, die keinen Schweißausbruch zur Folge haben. Thrillermomente à la Hitchcock sind von meinem „Fenster zum Hof“ auch nicht zu erwarten. Höchstens, dass ein auf dem Glas landender Krähenschiss die Aussicht auf den Nachbarbalkon gegenüber verdirbt. Dort spielt sich bei Schönwetter das geregelte Alltagsleben einer biodeutschen Bilderbuchfamilie ab – Vater, Mutter, zwei Kinder, beide im Schulalter. Morgens wird unterm weißen Sonnenschirm gemeinsam gefrühstückt, abends unter freiem Himmel zusammengehockt. Es geht zu wie in einer dieser idyllischen Fernsehserien mit überschaubarem Handlungsstrang, was allerdings nichts wirklich Inspirierendes bei meiner Suche nach einem geeigneten Kolumnenthema hergibt.

Worüber soll man sich bei dieser sonnenverwöhnten Großwetterlage auch aufregen? An seiner unsäglichen Flüchtlingspolitik hat sich unser Heimatminister bereits selbst verbrannt. Die einzig spannende Frage lautet, wie sich das bei den Bayern-Wahlen im Oktober niederschlägt. Die AfD überlegt bereits, neben die CSU-Wahlkampfplakate à la „Mir san mir“ Slogans mit der Aufschrift „Wir sind das Original“ zu pappen. Der Versuch einer schleichenden „Orbánisierung“ der bundesdeutschen Politik hat zum Glück am vergangenen Samstag Gegendemonstranten zu Zehntausenden auf die Münchner Straßen gebracht. Und so, wie es uns Deutsche derzeit trotz stundenlanger Staus auf Autobahnen und in Abflughallen an ferne Strände zieht, bleibt vom ersehnten Urlaubsgefühl hoffentlich hängen, dass auch wir Ausländer sind, fast überall.

Macht mal langsam, Despacito. Bleibt Mensch! Das beste Rezept, um die Hitzewelle zu überstehen und den rechten Heißspornen das Wasser, in dem sie fischen, abzugraben.

Inge Günther ist Autorin.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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