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Helene Fischer Seelenlos durch die Luft

Mit meinem wiederentdeckten Faible für den Schlager wollte ich herausfinden, warum ausgerechnet Helene Fischer so erfolgreich ist. Die Kolumne.

Schlager
Helene Fischer glänzt durch Perfektionismus. Foto: rtr

Als kürzlich die Nachricht vom Tod des israelischen Sängers Abi Ofarim bekannt wurde, habe ich mir auf Youtube alte Clips angesehen. „Cinderella Rockefella“ und „Morning of my life“. Letzteres gibt es in verschiedenen Versionen, die meisten solo gesungen von Esther Ofarim.

Ein frühes Video zeigt das Paar am Strand. Er versucht, sie irgendwie verliebt anzutanzen, während sich ihre Schritte eher von ihm wegbewegen als seien sie Ausdruck eines beschwingten Freiheitsbegehrens. Ich habe „Morning of my life“ oft gehört, es war einmal eines meiner Lieblingslieder.

Das sexuelle Begehren der Adoleszenten

Seit es Youtube gibt, kehrt der Schlager in mein Leben zurück, dem man als junger Popfan in den späten 60er Jahren nicht entkommen konnte, aber doch schnell hinter sich gelassen zu haben glaubte. Esther und Abi Ofarim nahmen dabei eine Art Schwellenposition ein. Esthers grazile Flüchtigkeit beflügelte wohl auch das sexuelle Begehren der Adoleszenten.

In den frühen 70er Jahren waren einige Schlagerstars bemüht, über die Schwelle zu kommen, aber nur wenigen gelang dies wie Peter Maffay die spätere Promotion zum Rockstar. Von Roy Black weiß man, dass er sehr darunter gelitten hat, nicht zum Jazz, von dem er kam, zurückgefunden zu haben.

Bei einigen wirkte die Schwellenkunde bemüht, bei anderen hat man sie schnell wieder vergessen. Nana Mouskouri hingegen genießt wegen ihres frühen von Quincy Jones produzierten Jazz-Albums „Nana Mouskouri in New York“ über ihr Image als Ikone des Griechen-Schlagers hinaus weithin Anerkennung.

Helene sang, flog durch die Lüfte und verausgabte sich

Sherry Hormans heiter-tiefgründiger Familienfilm „Wir lieben das Leben“ legte neulich die Youtube-Spur zu der Sängerin Vicky Leandros. Eine abgeänderte Fassung ihres Hits aus dem Jahre 1975 bildete den anrührenden Schlusspunkt des Films, verweist aber auch auf die emotionale Kraft des Songs.

Die Lyrics sind etwas ungelenk, es geht in dem Lied um die Verarbeitung einer Trennung. Eine verlassene Frau spricht sich Mut zu: „Sorg dich nicht um mich. Du weißt, ich liebe das Leben!“ Das Stück aber vermag, wenn man es sich erst einmal eingestanden hat, zu erheben. Ich mag dieses Lied, wie konnte ich es nur vergessen?

Wer dies als peinliches Geständnis auffasst, dem sei gesagt, dass es längst Bestandteil eines privaten – zugegeben unsystematischen – Forschungsprojektes ist. Dazu gehörte auch das beharrliche Standhalten vor der Übertragung eines Live-Konzerts von Helene Fischer.

Mit meinem wiederentdeckten Faible für den Schlager wollte ich herausfinden, warum ausgerechnet sie so erfolgreich ist. Ich war sogar geneigt, es wenigstens versuchsweise gut zu finden. Aber der Moment stellte sich dann doch nicht ein.

Helene sang, flog durch die Lüfte und verausgabte sich, als gelte es, endlich eine hoch gesteckte Olympianorm zu schaffen. Atem- und seelenlos durch die Nacht, dieser nie nachlassende Ehrgeiz beim Versuch, Heiterkeit auszustrahlen, machte mich ungeduldig.

Man konnte einer aufgekratzten Ich-Maschine bei der Zurüstung für eine pausenlose Aufmerksamkeitsökonomie in der digitalen Welt zusehen. Alles perfekt, keine Schnitzer wie in dem textlich eher unbeholfenen Lied der Vicky Leandros. Aber auch nirgends ein Ton, der der Liebe zum Leben Ausdruck verleiht.

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