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Gesundheitssystem Warten ist Patientenpflicht

Geordnetes Chaos und Medizin in Zeitlupe: Was man mit einer kranken Mutter so alles erleben kann. Die Kolumne.

Arztpraxis
Mehr Zeit als für den Umgang mit seiner betagten Patientin verwendet der Arzt für die Dokumentation am Computer. (Symbolbild) Foto: dpa

Folgt man der Lesart von Hölderlins Hymne „Patmos“, dann ist das Rettende ortlos. „Wo aber Gefahr ist“, heißt es in dem Gedicht, „wächst das Rettende auch.“ Es scheint an die Gefahr gebunden, und es ist ein tröstender Gedanke, dass in der Nähe des Unheils, zumindest in der dichterischen Ahnung, Aussicht auf Heilung besteht.

Das schöne deutsche Wort Rettungsstelle impliziert etwas anderes. Es gibt einen Ort, den man kurzerhand aufsuchen kann. Das geht natürlich nicht ohne weiteres. Ohne Wartezeit keine Rettung an der Rettungsstelle. Ein paar Formalitäten sind zu erfüllen, die Versicherungskarte der Krankenkasse ist unbedingt mitzuführen.

Wir hatten schon zwei Stunden Aufenthalt in einer Arztpraxis hinter uns, als wir mit meiner Mutter an der Aufnahmestelle samt Überweisungsformular Platz nahmen. Vorhofflimmern des Herzens, die Diagnose war gestellt, das Wasser in der Lunge in der Ultraschallaufnahme der Ärztin sehr gut sichtbar gemacht.

Die schmutzige Wirklichkeit der Schleuse

Der Befund aber war in der Rettungsstelle ohne Bedeutung. Warten ist die erste Patientenpflicht, unabhängig vom jeweiligen Leiden. Wer auf einem Stuhl sitzen kann und keine unstillbaren Wunden aufzuweisen hat, dem ist die Prozedur der Krankenhausaufnahme zuzumuten. Meine Mutter, weit über 90, durfte es sich auf einer Liege bequem machen.

Man durchschaut das System nicht gleich, nach dem die Wartenden aufgerufen werden. Die Aufnahme in der Rettungsstelle ist eine Schleuse, die man geduldig passieren muss. Hier erst wird entschieden, ob eine ambulante Hilfe möglich oder eine stationäre Behandlung nötig ist.

Die Schleuse unterscheidet sich von dem, was man aus Fernsehserien wie „In aller Freundschaft“ kennt, durch schmutzige Wirklichkeit. Ein älterer Mann läuft seelenruhig mit einem hinten geöffneten Krankenhaushemd an uns vorbei. Er trägt eine blutverkrustete Windel, das Hemd ist ebenfalls blutig. Er wirkt verwirrt, aber man lässt ihn seiner Wege ziehen.

Niemand fragt, ob sie Hunger hat

Eine schlanke, etwa 45 Jahre alte Krankenschwester scheint eine Art Oberaufsicht über das Geschehen im Wartebereich inne zu haben. Sie führt Regie in diesem Durcheinander, in dem es eine klare Ordnung zu geben scheint. Über die Wartenummern, die man am Eingang zu ziehen hat, wird sie aber wohl nicht reguliert.

Unsere Nummer ist lange aufgerufen, aber es ist kein Arzt in Sicht, der sich meiner wartenden Mutter annehmen könnte. Sie erträgt es geduldig, ab und zu nippt sie an einem Becher Wasser, den man am anderen Ende des Raumes an einem Wasserspender befüllen kann, wir hatten ihn zunächst übersehen.

Eine hübsche, junge Kopftuchträgerin scheint in Ohnmacht gefallen zu sein, begleitet wird sie von zwei Freundinnen ohne Kopftuch, die dem behandelnden Neurologen schildern, was vorgefallen ist. Die Geräte, an die die junge Frau angeschlossen ist, ergeben keinen Befund. Nach zwei Stunden Wartezeit kann sie die Rettungsstelle mit einem Bericht für den Hausarzt wieder verlassen.

Meine Mutter muss bleiben, der Kardiologe findet die Diagnose der einweisenden Ärztin bestätigt. Er ist freundlich, aber übermüdet. Mehr Zeit als für den Umgang mit seiner betagten Patientin verwendet er für die Dokumentation am Computer.

Nach insgesamt sechs Stunden erreicht meine Mutter die Station 7b. Als wir spät abends das Krankenhaus verlassen, fällt uns ein, dass niemand gefragt hat, ob sie womöglich Hunger hat.

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