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Gesellschaft in Deutschland Es geht nicht um Spaltung

Solange die Versuche, ständig die Täter und die Rechten verstehen und heilen zu wollen, anhalten, führt das in rechte Gesinnung und in Antisemitismus. Die Kolumne.

Plakat bei einer Demonstration
Schild bei der "Unteilbar"-Demonstration in Berlin. Foto: imago

Alle reden derzeit von der Spaltung der Gesellschaft in Deutschland. Doch die Konflikte, die von rechtsextremen Kreise in die Debatte gepusht werden, gab es schon immer. Sie wurden nur noch nie so aggressiv ausgetragen. Deswegen muss sich die gesamte Gesellschaft und alle Parteien zur Frage der Migrationsgesellschaft positionieren.

Tun sie es nicht, laufen ihnen die Wähler davon. Tun sie es, haben sie sich dem Konflikt zu stellen. Der Konflikt heißt: Soll Deutschland ein moderner, weltoffener Staat bleiben, zu dem Einwanderung weiter gehören wird? Oder soll er vielleicht eine „gelenkte Demokratie“ werden, ein autoritärer Staat? Das zu beantworten, kann nicht mit dem Wort Spaltung ausgefochten werden.

Es gibt zwei Tendenzen in Deutschland. Die eine ist erstaunlich gut. Das Integrationsbarometer des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen misst in seinen repräsentativen Befragungen sehr genau die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber der „Zuwanderungsbevölkerung“. 

Das Ergebnis für 2018 macht Mut. Es zeigt lediglich eine geringe Veränderung gegenüber den Vorjahren. Trotz der massiven Hetze gegenüber Einwanderern und Flüchtlingen, trotz der Kampagnen der sogenannten Alternative für Deutschland (AfD) gegen den Islam im Allgemeinen und den Eingewanderten im Besonderen. Die Effekte auf das Zusammenleben scheinen also nicht allzu groß zu sein. Diese, sehr erfreuliche Tendenz, findet leider viel zu wenig Beachtung. Warum eigentlich?

Die andere ist der Rechtsruck. Er selbst ist ein Problem, viel beunruhigender aber ist, wie er begründet wird. Nämlich mit der Spaltung der Gesellschaft. Sie sei gespalten in Oben und Unten und der Neoliberalismus sei für alles verantwortlich. Die Menschen könnten gar nicht anders, als sich der AfD anzuschließen. Das sei gewissermaßen ein revolutionärer Akt des Protestes. Deshalb müsse man diese Unterdrückten verstehen. 

Und der Rassismus gegenüber den Eingewanderten sei – hier sprechen die eher Linksorientierten – nur eine Strategie der Eliten, um die Unterdrückten zu spalten und damit vom „Eigentlichen“ abzuhalten. 

Vom Elitenhass zum Antisemitismus

Mit diesem Elitenhass ist der Weg zu dem unseligen und dummen Antisemitismus nicht weit. Namen wie Soros, Rothschild, Ostküste, Goldman, Hollywood, „gewisse Kreise“ und all der Mist ploppen hier sofort auf. Also im Grunde sei der „Geldjude“ schuld am Rechtsruck in Deutschland. So sagte es mir ein besorgter Seminarteilnehmer neulich. 

Das hat mich ehrlich erschüttert. Meine Antwort war: Solange die Versuche ständig die Täter und die Rechten verstehen und heilen zu wollen, anhalten, führt das in rechte Gesinnung und in Antisemitismus hinein und nicht hinaus. Wenn statt des ewigen Verständnisses nur zehn Prozent der Energie der um die „Besorgten“ besorgten auf echte Empathie mit den zahlreichen Opfern aufgewendet würde, wäre Deutschland heute weit weniger trostlos.

Die große Demo in Berlin stand unter dem Motto „Unteilbar“. Es meinte die Menschenrechte. Und ja, sie sind unteilbar. Doch alle anderen Konflikte lassen sich nicht zukitten durch Worte wie Zusammenhalt und Gemeinschaft. 

Bedeutet das dann, das Gegenteil von unteilbar sei dann unheilbar? Nein. Es geht nicht um Spaltung, die wie eine Krankheit das Land beherrscht. Heilung ist nicht. Nur ein handfester Kampf um unsere Zukunft. 

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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