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Gedenktag für Opfer von Flucht und Vertreibung Schlichtes Mitgefühl scheint zu viel verlangt

Die gute Nachricht: Bundespräsident Gauck setzt sich für Flüchtlinge ein. Die schlechte Nachricht: Offenbar haben es die Deutschen noch immer nötig, durch eigenes Opfertum zu Mitleid mit den Flüchtlingen verführt zu werden. Die Kolumne.

Bundespräsident Joachim Gauck, Asma Abubaker Ali, die aus Nordafrika geflohen ist, und Bundesinnenminister Thomas de Maiziere im Schlüterhof des Deutschen Historischen Museums in Berlin bei einer Gedenkstunde zum ersten bundesweiten Gedenktag für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Foto: dpa

Wird eine Wunde an der falschen Stelle zusammengenäht, dann klafft sie bald wieder auseinander. Deutschland hat sich einen neuen Gedenktag gegeben – für die Opfer von Flucht und Vertreibung. Wie ein alter Fisch liegt er direkt auf dem Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen. Die Welt denkt an Flüchtlinge? Da machen wir doch einen Gedenktag für unsere Heimatvertriebenen draus. So wie die Neue Wache in Berlin unterschiedslos allen Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft gedenkt, so wie der Volkstrauertag das Präfix Volk braucht, weil es allein das Deutsche Opferleid im Sinn hat. Das müffelt. Was ist los? Haben wir, die Bewohner Deutschlands, die alten und neuen, uns inzwischen gar an den Gestank gewöhnt? Oder brauchen wir heute so verzweifelt das Mitgefühl mit Flüchtlingen, dass wir diesen speziellen Geruch in Kauf nehmen?

Bundespräsident Joachim Gauck hat aus diesem Anlass eine Rede gehalten und bat dringend darum, der vertriebenen Deutschen zu gedenken – ohne Aufrechnungen. Trauer um die Toten und die deutsche Schuld sollten einander nicht überdecken. Am Weltflüchtlingstag. Er sprach dabei oft vom Wir. Wir Einheimischen, wir Deutschen. Wir. Unsere einstigen Opfer gehören nicht dazu. Gauck beschreibt die Innensicht der Deutschen als jenes Kollektiv, das die am Ende Millionen Heimatvertriebene erfolgreich aufgenommen hat.

Nicht so recht in die Rede passte, dass ein Weltkrieg und die Vernichtung von Millionen in ganz Europa dem vorausgingen. Joachim Gauck sprach von einem Kollektiv, das seine Vertreibung im Osten als einen Schicksalsschlag hinnehmen musste. Das ist seine Geschichte. Nicht die jener, die wegen eben dieses Kollektivs fliehen mussten. Nicht die Juden sind mit dem Wir gemeint. Und nicht die Menschen, die aus ihrer Heimat in Europa verjagt wurden und eben keine Deutschen waren.

Ausgerechnet die kollektive Innensicht von den Deutschen als Opfer von Krieg und Vertreibung empfiehlt Joachim Gauck als Referenz für Empathie mit den Flüchtlingen von heute. Wenn Deutschland einst die Vertriebenen erfolgreich aufgenommen hat, dann kann es mit einem guten Selbstbild ausgestattet, auch heute die Flüchtlinge integrieren. Und er appelliert an die Erinnerung seines Kollektivs daran, wie furchtbar Flucht und Vertreibung waren. Darauf könne doch Mitgefühl gründen.

Die gute Nachricht: der Bundespräsident setzt sich für Flüchtlinge ein! Sofern, wie er meint, die Zahl der Flüchtlinge und Zuwanderer in Ballungsräumen nicht zu schnell und zu stark steigt oder die kulturelle Distanz allzu groß erscheint. Es sind halt keine Deutschen. Die schlechte Nachricht: Offenbar haben es die Deutschen heute noch immer nötig durch eigenes Opfertum zu Mitleid mit den Flüchtlingen verführt zu werden. Ob das wohl funktioniert? Sind sie noch immer nicht erwachsen genug für schlichtes Mitgefühl, unabhängig davon, ob ihre Großeltern Täter oder Opfer oder gar Einwanderer waren? Spielt es nicht doch eine Rolle, wer zur kollektiven Erinnerung gehört und wer nicht?

Der stinkende Deal mit diesem doppelten Gedenktag geht so: Wir als deutsches Kollektiv sind für Flüchtlinge, wenn ihr uns das Opfertum lasst. Doch so kann die Wunde nie heilen.

Anetta Kahane ist Vorsitzende der Amadeu-Antonio-Stiftung.

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