Lade Inhalte...

Fußballfans Die Macht auf den Tribünen

Nicht die Macht pöbelnder Fans von Dortmund gefährdet die Demokratie, sondern die Zunahme an Hass. Die Kolumne.

Seit vor dem Dortmunder Stadion Leipziger Fußballtouristen vom Mob mit Steinwürfen gejagt wurden, läuft die Diskussion wieder auf Hochtouren, warum einige Sportereignisse offenbar zwangsläufig Gewaltexzesse mit sich bringen. Die wüsten Hetzplakate, darunter der Aufruf zum Selbstmord an den Leipziger Sportdirektor, hat immerhin erstmals in der BVB-Geschichte zu einer leeren Südtribüne geführt, die gern auch als „mystischer Ort“ verklärt wird. Es war die Quittung für den Anpfiff eines Spiels trotz nicht eingehaltener Stadionordnung. In dieser steht unter § 7 eindeutig, dass „Medien mit gewaltverherrlichendem Inhalt“ sowie „Äußerungen und Gesten, die geeignet sind Dritte zu diffamieren“, strikt verboten sind.

Unabhängig von einer strafrechtlichen Relevanz der Äußerungen. Diese niedrige Schwelle hätte es den Ordnern durchaus erlaubt, vor Spielbeginn die großen Banner der übelsten Hetzer einzusammeln. Das wäre nicht gut gewesen für Konferenzschaltungen und Live-Übertragungen in Hörfunk und Fernsehen und für stetig steigende Einnahmen aus dem Verkauf von Übertragungsrechten. Da aber die Höhe der finanziellen Erträge für einen börsennotierten Verein den gleichen Rang hat wie der Tabellenplatz, muss alles verhindert werden, was die Kasse schmälert.

Auch scheint es unvermeidlich, für das Umfeld des Stadions und die Anreisewege immer wieder nach mehr Polizei zu rufen, wenn das Sicherheitskonzept bei Fußballspielen diskutiert wird. Mehr Polizei – egal was es kostet. Dafür ist der Staat zuständig. Innenminister Jäger sagte, dass 25 Prozent der Arbeitszeit der Bereitschaftspolizei in NRW aufgewendet würden, um Fußballspiele zu sichern. Er wolle jedoch nicht, „dass der Profifußball sich aus seiner Verantwortung rauskaufen kann“.

Ich bezweifle, dass die Mehrheit der Steuerzahler gleicher Meinung ist. Vereine können unvorstellbare Summen beim Spielerkauf auf den Tisch legen. Müssten sie für die Absicherung des Geschäftsbetriebes in und außerhalb des Stadions nicht mehr tun, als nur Ordner zu bezahlen? Wenn sie Ultra-Fans und Kriminellen auf der Südtribüne zugestehen, mit Hassplakaten zur Gewalt aufzustacheln, dann sollte der Verein die Kosten tragen, wenn der Fan als Wutbürger auf der Straße zur Gefahr für die Allgemeinheit wird.

Der Fußball ist nur ein Gewaltschauplatz in unserer Gesellschaft – freilich mit höchstem Aufmerksamkeitswert. 2016 wurden 140 Übergriffe auf Politiker und deren Büros registriert, die sich in der Flüchtlingspolitik oder in Aktionen „Gegen Rechts“ engagiert hatten. Polizisten, Feuerwehrleute und Notfallsanitäter klagen über zu viele rabiate Attacken. Bei Unfallaufnahmen rotten sich in polizeibekannten Stadtvierteln Unbeteiligte zusammen und behindern Ermittler und Helfer, bis zusätzliche Einsatzkräfte die Ordnung wiederherstellen. Verständlich, dass der Gesetzgeber nun mehr unternehmen will, um einer schwindenden Autorität des staatlichen Gewaltmonopols gegenzusteuern.

Strengere Strafen allein werden nicht helfen. Staatsanwälte und Richter müssen in der Lage sein, schneller zu reagieren, um angemessen und zeitnah Täter in die Schranken zu weisen. Nicht die Macht medienwirksam pöbelnder Fans auf der Dortmunder Südtribüne gefährdet unsere Demokratie, sondern die allgegenwärtige Zunahme an verbalem und tätlichem Hass.

Klaus Staeck ist Grafiker.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum