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Fußball Heulerei auf dem Rasen am Pranger

In Zeiten von Auf- und Abstieg sowie Pokalgewinn fließen Tränen. Gehört das inzwischen zum Geschäft? Die Kolumne.

Champions League Final
Liverpools Mohamed Salah kann die Tränen nach seiner Auswechslung nicht zurückhalten. Foto: rtr

Eigentlich war es ja nicht anders zu erwarten. Was soll einer, der allein durch seine Anwesenheit gegnerischen Angreifern das Entsetzen ins Antlitz schrieb, schon zum Thema „Weinen“ zu sagen haben? Einer, dem sie ehrfurchtsvoll den Namen „Titan“ gaben? Richtig. Er hat es befremdlich zu finden, wenn live vor Millionen Zuschauern geweint wird.

Oliver Kahn ist gegen Tränen

So tat denn der einstige Übertorwächter Oliver Kahn, wie es von ihm erwartet wurde, er prangerte die Heulerei auf dem Rasen an. Dabei war nichts weiter passiert, als das, was ständig passiert. Ein Kicker, in diesem Fall einer aus Liverpool, konnte dem Ballspiel nicht mehr beiwohnen, weil er sich verletzt hat. Aber muss man da gleich in Tränen ausbrechen?

Nö, meinte der Titan, das könne man doch – wenn überhaupt – auch hinterher in der Kabine tun. Der Titan war befremdet. Weitere Herablassungen behielt er für sich, doch man sah ihn denken: „Bei uns früher hätte es das nicht gegeben. Die sind doch alles Luschen heute. Ach, und überhaupt ...“

Als kurz drauf ein weiterer Akteur, dieses Mal einer aus Madrid, ebenfalls nach seiner Auswechslung das Greinen begann, schwieg der Titan gleich ganz. Er war wohl bedient. Schwante ihm eine globale Verweichlichung der Balltreterbranche?

In Frankfurt stand ein ganzes Stadion unter Wasser

Indizien dafür sind in der Tat auszumachen. Der italienische Tormann Gianluigi Buffon spülte nach dem Aus seiner Nationalmannschaft das gesamte Land in ein Meer aus Tränen.

In Frankfurt stand gar ein ganzes Stadion unter Wasser, als Volksheld Alexander Meier nach langer Verletzungspause mal wieder ein Tor erzielte. Sogar den Fans der gegnerischen Mannschaft schoss das Feuchte in die Augen.

Und als die Frankfurter Eintracht das Pokalendspiel gegen die Bayern gewann, verwandelte sich selbst der hartgesottenste Balkanbruda in ein Bündel aus Rotz und G’fühligkeit.

Andernorts war es nicht anders. Die Hamburger heulten, weil sie ab-, die Düsseldorfer, weil sie auf-, die Wolfsburger, weil sie nicht ab- und die Kieler, weil sie nicht aufstiegen.

Man hat deutlich den Eindruck, die Leute gingen nicht mehr wie einst bei Sepp Herberger „ins Stadion, weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, sondern weil sie sich endlich mal wieder richtig ausflennen dürfen. Andere zahlen dafür viel Geld an ihre Therapeuten.

Flennen auch eine PR-Maßnahme

Doch Fußballplätze sind nicht die einzigen Horte des kollektiven Wasserlassens. Gerät man des Abends unversehens auf einen Privatsender, stößt man dort entweder auf Werbung oder auf heulende Juroren einer Castingshow. Deren Gefühlsausbrüche angehör der Sangesversuche Kaumtalentierter beginnen mit „Gänsehaut“ und enden nach allerlei Tanzverrenkungen in der Regel mit „Pipi in den Augen“ haben.

Dieser Sachverhalt hat sich in den einschlägigen Sendungen mittlerweile zum Höchstlob entwickelt. Zwingende Regieanweisung scheint die Tränerei bei „Sing meinen Song“ zu sein. Sogenannte Stars trällern sich gegenseitig ihre Liedchen vor, und hinterher liegen sie sich in den Armen und heulen – und zwar so penetrant, dass es schon fast wie eine Regieanweisung aussieht. Ist das Masche?

Diesen Sendern traut man ja alles zu. Aber den Fußballern? Ist deren Flennen auch eine PR-Maßnahme oder lastet ein immer größerer Druck auf ihnen? Eher Letzteres. Und das ist noch schlimmer.

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